Coworking-Spaces auf dem Lande – ein neuer Trend?

0
396

Ein Beitrag von: Bernd Stolte

Coworking-Spaces, also Gemeinschaftsbüros, in denen Arbeitsplätze kurzzeitig oder auf Dauer gemietet werden können, kennt man normalerweise vor allem aus Großstädten. Kann Coworking auch auf dem Lande funktionieren? Und wenn ja, wie kann es aussehen, welchen Nutzen hat es und wie verändert es das Landleben? Diesen Fragen gingen acht Interessierte Ende August auf einem Workshop in Klein Denkte bei Wolfenbüttel nach.

Der Resthof in Klein Denkte bei Wolfenbüttel sieht auf den ersten Blick unscheinbar aus: Ein frisch renoviertes Wohnhaus und Nebengebäude, die schon bessere Tage gesehen haben. Bei näherem Hinsehen jedoch fällt ein Tor auf, hinter dem aus Paletten zwei getrennte Arbeitsbereiche geschaffen wurden: PopUp-Coworking „Donnerburg15“ in Klein Denkte, das vier engagierte Dorfbewohner*innen in Zusammenarbeit mit dem Kreisverband der LandFrauen WF-SZ und der Stiftung Zukunftsfonds Asse geschaffen haben. Das auf Zeit angelegte Projekt soll dazu dienen, den Bedarf zu ermitteln und Ideen für den permanente Coworking-Space zu sammeln, der als gemeinnütziger Verein hier betrieben werden soll.

Das Interesse an einer Neuinterpretation des Landlebens scheint im Mainstream angekommen zu sein. Der Workshop in der Donnerburg 15 fand im Rahmen eines Kooperationsprojektes mit der Leuphana Universität Lüneburg statt, in dem Utopien für den ländlichen Raum entwickelt werden sollen. Ähnliche Workshops fanden fast zeitgleich an insgesamt 20 Orten in Deutschland statt. Und auch im Literaturbetrieb geht es um das Dorfleben: Der Roman „Über Menschen“ der Erfolgsautorin Juli Zeh steht auf Platz 1 der SPIEGEL-Beststellerliste. Der Roman spielt auf einem Dorf in Brandenburg und stellt – natürlich überzeichnet – den Culture Clash zwischen dem traditionellen Dorfleben und einer Berlinerin dar, die auf dem Dorf ein leerstehendes Haus gekauft hat und im Homeoffice arbeitet.

Wie kann nun aus den hergebrachten Strukturen auf dem Lande mit Landwirtschaft, Sportverein und Freiwilliger Feuerwehr auf der einen Seite und Neubürgerinnen und Neubürgern auf der anderen Seite eine neue Ländlichkeit entstehen? Hier könnten Coworking Spaces in der Tat eine wichtige Rolle einnehmen. Die Spaces können im ländlichen Raum eine neue Dorfmitte bilden und so zu lebendigen Orten des Miteinanders werden.

Sie könnten neue Treffpunkte im Dorf bilden, die neben der Arbeit auch der Bildung und der Freizeitgestaltung dienen und so die Lücke schließen, die geschlossene Dorfgaststätten, Kneipen oder Bäcker hinterlassen haben. „Durch Coworking-Spaces entsteht eine positive Dynamik, die auch die Lebensqualität im ganzen Dorf hebt.“ So steht es in einer Broschüre, die vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft zusammen mit der „CoWorkLand“-Genossenschaft herausgegeben wurde.

Die Entwicklung der Coworking Spaces zu multifunktionalen Begegnungsstätten ist einerseits eine Zukunftsvision, andererseits aber auch schlichte Notwendigkeit, denn allein von der Vermietung von Arbeitsplätzen lassen sich Coworking-Spaces auf dem Lande kaum rentabel betreiben. Weitere Umsatzbringer müssen hinzukommen, wie z.B. aus der Gastronomie, Einnahmen aus einem Dorfladen oder auch aus der Vermietung von E-Bikes für Tagestourist*innen.

Der als Genossenschaft organisierte Verband „CoWorkLand“ hat inzwischen bundesweit 150 Mitglieder. Das Interesse an den ländlichen Coworking-Spaces wird befeuert durch den Trend zum Homeoffice, der nicht erst seit Corona besteht. Schon vorher war es in vielen Unternehmen möglich, einen oder mehrere Tage pro Woche von Zuhause aus zu arbeiten. Und die letzten anderthalb Jahre haben gezeigt, dass dieses Modell noch ausbaubar ist.

Aber Homeoffice ist nicht immer die optimale Alternative zum Büroarbeitsplatz. Denn nicht immer ist das Arbeiten in den eigenen Wänden möglich oder sinnvoll: Zum einen kann die fehlende Trennung von Arbeit und Privatleben im Homeoffice durchaus belastend sein, zum anderen fehlen soziale Kontakte zu anderen Mitarbeitenden. Und genau hier finden die Co-Working-Spaces ihren Platz, als Platz der Begegnung auf dem Dorf. Dabei sind es nicht mehr nur Freiberufler*innen aus der Kreativwirtschaft, die Plätze in Co-Working-Spaces buchen, sondern zunehmend mieten auch Firmen für ihre Angestellten dort Arbeitsplätze an.

Und die Spielarten der Co-Working-Spaces auf dem Land sind durchaus vielfältig. Der „Mindspot“ in dem Ferienort Sankt-Peter-Ording an der Nordseeküste zum Beispiel hat den Schwerpunkt zunächst auf das Thema „Workation“ gelegt, also die Kombination von Ferien (Vacation) und Arbeit (Work): „In den Sommermonaten lief das Geschäft fast wie von selbst. Urlauber, die ein oder zwei Tage pro Woche einen ruhigen Fleck zum Arbeiten suchten, oder auch Benutzer wie ein Kurgast, der morgens seine Anwendungen bekam und nachmittags bei uns arbeitete, brachten eine gute Auslastung“, berichtet Kim, eine der drei Community-Managerinnen. Eine gute Vernetzung mit der örtlichen Tourismus-Zentrale, regelmäßige Events und das intensive Bespielen der Social-Media-Kanäle Instagram und facebook erhöhten die Bekanntheit des im April 2021 eröffneten Co-Working-Spaces, das aus zwei geräumigen Arbeitsräumen mit derzeit sechs Arbeitsplätzen und einem separaten Seminarraum besteht und vor allem tageweise gebucht werden kann.

 

https://www.leuphana.de/portale/utopie-konferenz/neue-laendlichkeit.html