Deutschlands zerplatzende Energie-Träume

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Cremlingen.online freut sich über den Gastbeitrag

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr.-Ing. Albrecht Stalmann*

Unterstützt von einschlägigen Instituten, Verbänden und Teile einer nach dem moralisierenden Mainstream lechzenden Presse hat uns der moralisch überlegene Teil der Deutschen mittlerweile eine bemerkenswerte Fähigkeit beigebracht: In idealistischer Arroganz erstarrend lügen wir uns rhetorisch durchaus gekonnt in die Tasche.

Wenn Deutschlands Politiker vor dem Ukraineüberfall von einer CO2-freien Industriegesellschaft träumten, verengte sich ihr Horizont der Diskussion in schöner Regelmäßigkeit auf die Stromproduktion. Da erzeugen wir heute knapp 50% aus Erneuerbaren, 2030 sollen es 80% sein und 2035 100%. Dann, so die versteckte Botschaft, wäre die Welt in Ordnung. Daß unser Brutto-Stromverbrauch 2021 bei 560 TWh lag, der gesamte (End-)Energieverbrauch aber bei rund 2.500 TWh, spielte bisher keine Rolle und war allenfalls ein störendes Randthema für Experten. Dabei verbrauchten wir bis Februar 22 ziemlich genau 1.000 TWh an Erdgas mit deutlich steigender Tendenz, also schon knapp das Doppelte unseres vieldiskutierten Stromverbrauches. Mehr als die Hälfte an Erdgas kam aus Rußland.

Das beleidigte Gejammer darüber, wie Putin uns in ach so überraschender Art und Weise den Gashahn abdrehte, uns aus den Träumen riß und unsere Regierung so urplötzlich dem Sturm der gnadenlos heulenden Wirklichkeit aussetzte, erinnert an das heulende Kleinkind im Sandkasten, dem man gerade sein Lieblingsspielzeug geklaut hat. Aber ein paar bunte Klötzchen sind ja noch da. Unsere eigenen Gasfelder durch Fracking zu erschließen, selbstverständlich „nicht verantwortbar“! Unsere eigene Wirtschaft abzuwürgen, dagegen schon. Sollen uns doch die Niederländer versorgen, auch wenn deren Häuser wackeln, es sind ja nicht unsere! Den Rest an Fracking-Gas kaufen wir als LNG in den USA, sollen die dollargeilen Amerikaner eventuelle Umweltrisiken tragen, wir träumen lieber unseren blitzsauberen Umwelt-Traum!

Unsere Gaskraftwerke können jetzt nur eingeschränkt oder vielleicht auch gar kein Strom mehr produzieren? Dann mögen uns die Franzosen ihren Atomstrom liefern, darauf war doch immer Verlaß! Und wenn gerade etwa zwei Drittel ihrer Atomkraftwerke wegen umfangreicher Reparaturen nicht laufen, dann sollen sie sich beeilen! Unsere letzten drei Atomkraftwerke müssen wir abstellen – tut uns leid – aber das sind wir den grünen Moral- und Wertvorstellungen nun einmal schuldig! Dafür fordern wir jetzt europäische Solidarität!

Arroganter geht es kaum.

Richtig spannend lügen wir uns jedoch mit Rezepten der Realitätsverweigerung in die Tasche, wie wir unseren künftigen Strombedarf decken wollen. Wir brauchen 155 TWh zusätzlichen Strom für unsere E-Autos? Macht nichts, das wird eingespart! Der Fernseher bleibt eh dunkel, dann brauchen wir auch kein Licht mehr. Für die E-Mobilität unserer Busse und Lastwagen werden noch einmal um die 100 TWh fällig? Egal, dann schmeißen wir unsere Handys, Drucker und Laptops aus dem Fenster – zurück zur Keilschrift und Sepia-Tinte auf Papyrus!

Und der künftig drastisch steigende Strombedarf mehrerer hundert TWh aus Gewerbe und Industrie? Brauchen wir nicht mehr. Haben wir endlich das Gleichgewicht unserer künftigen Work-Life-Balance erreicht, können wir sowieso nur die Hälfte der Arbeitsplätze besetzen, wenn überhaupt.

Und was ist mit dem Grünstrom für Wasserstoff in heute unbekannter Höhe als Energiespeicher und Ersatz für Erdgas? Dafür ist in Deutschland sowieso kein Platz. Wasserstoff produzieren wir lieber im ewig windigen Patagonien. Da ohnehin keiner weiß, wo das liegt, sind uns auch die flächendeckenden Wälder aus Windkraftanlagen egal, die dafür nötig sind. Hauptsache, unsere Landschaft wird nicht verspargelt. Und dann gibt es ja noch die unverbaute Wüste Sahara, die nur darauf wartet, mit tausenden von Quadratkilometern Solarzellen zugekachelt zu werden. Die lassen wir von zuverlässigen und top-ausgebildeten Energiefachleuten ortsansässiger islamistischer Terrorgruppen betreiben, mit denen wir vertrauensvoll zusammenarbeiten – Hauptsache, wir machen uns nicht abhängig wie weiland von den Russen.

Kann es sein, daß wir unfähig sind, unsere hausgemachten Probleme zu lösen? Aber dafür tragen wir wenigstens moralisch die Nase ganz weit oben. Und selbstvergessen schwadronieren wir über unseren wiederentdeckten Führungsanspruch in Europa. Unsere europäischen Nachbarn lauschen begeistert mit.

Und was ist die Moral von der Gschicht´ ?

Wir werden unsere Energieprobleme nicht von heute auf morgen lösen können. Aber wenn wir als wohlhabende Volkswirtschaft weiter vorne mitspielen wollen, müssen wir bereit sein, in den Spiegel zu schauen und uns den Realitäten zu stellen. Dazu gehört auch die Abkehr von der eigenen Nabelschau und die Einbindung der Interessen unserer Nachbarn.

Der Verfasser ist Vorsitzender des Arbeitskreises Energie des CDU-Kreisverbandes Wolfenbüttel

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