Die ersten Flüchtlinge sind in Wolfenbüttel

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DRK-Helfer sind aus dem Stand bei 100 Prozent

Wolfenbüttel. Helfen hilft – das weiß man im Roten Kreuz schon seit mehr als 150 Jahren. Doch dass Helfen auch den Helfern helfen kann, das ist zumindest in Deutschland wohl eine relativ neue Erfahrung.

Die permanente Berichterstattung aus den Kriegsgebieten in der Ukraine sorgt sicher bei jedem friedliebenden Menschen für große Bedrückung. Umso wichtiger ist es, für diese Gefühle ein Ventil zu finden und auch Ablenkung: Zum Beispiel durch Hilfeleistungen für die Kriegsflüchtlinge.

So ungefähr lautet der Tenor unter den Haupt- und Ehrenamtlichen, die derzeit mit den Hilfeleistungen rund um die Notunterkünfte (NU) in Wolfenbüttel/Okeraue und Schöppenstedt/Realschule zu tun haben. Alle stürzen sich mit Elan und Engagement in die Ertüchtigung dieser Einrichtungen, die eigentlich schon eingemottet waren.

“Ich bin froh und stolz wenn ich sehe, dass Haupt- und Ehrenamt quasi aus dem Stand mit vollem Einsatz gleich bei 100 Prozent sind”, lobt Andreas Ring, Vorstand des DRK-Kreisverbandes. Ohne die Gewissheit, solch ein starkes Team zu haben, hätte der KV die Aufgaben nie übernehmen können. Und das vor dem Hintergrund einer sich im Grunde täglich ändernden Lage. “Die Situation ist für alle ausgesprochen anspruchsvoll.”

Tatsächlich muss gerade Schöppenstedt gleich zweimal ausgestattet werden. Zunächst fuhren Orga-Leiter Tobias Liersch und sein Team hin, um 40 Feldbetten aufzustellen. “Die kamen aus den Beständen der Feuertechnischen Zentrale”, erzählt er. Ergänzt wurden sie durch Bettwäsche, Kissen und Decken aus dem DRK-Lager am Exer. “Das war allerdings nur ein erster Notbehelf für die Notunterkunft.”

Denn eigentlich sollen in Schöppenstedt 100 Stockbetten stehen, die aber erst später geliefert werden. “Diesen Aufbau übernehmen wir dann Ende März in Kooperation mit THW und Feuerwehr.” Liersch ist ebenfalls stolz, dass sich gleich 13 Ehrenamtliche aus Einsatzzug und Bereitschaft Wolfenbüttel zur Verfügung gestellt haben. In einem sechsstündiger Einsatz hätten sie bewältigt, was er und Kreisbereitschaftsleiter Heiner Schumacher eine “dynamische Lage” nennen: “Die Anforderungen von Bund, Land und Landkreis ändern sich doch recht oft.”

Auch in der NU Okeraue, wo am Mittwoch die ersten 18 Flüchtlinge eingetroffen sind, war das DRK aktiv. Einerseits wurden die dort vorhandenen Betten mit Rollmatratzen ausgestattet. Andererseits steht das Catering-Mobil des Solferino auf dem Hof und sorgt für die Verpflegung der Frauen und Kinder, die plötzlich Wolfenbütteler geworden sind. Wie allerorten in Deutschland, so ist auch bei uns die Anteilnahme der Bevölkerung groß. Spontan fanden sich zwei Frauen aus der Ukraine, die schon länger in Salzdahlum leben. “Der Kontakt zu Tatjana und Olena kam über Freunde zustande”, erzählt Solferino-Leiterin Corina Bornecke. Die beiden stellten sich umgehend als Dolmetscherinnen zur Verfügung und übersetzten als erstes die Solferino-Speisekarte ins Ukrainische.

Ganz ohne Kriegsbericht geht ein solcher Kontakt natürlich auch nicht ab: “Die beiden kommen aus einem angrenzenden Vorort von Kiew”, berichtet Corina Bornecke weiter. Lenas Vater habe am Morgen ein Video gesendet, in dem man intakte aber verlassene russische Panzer sah, allein zehn in diesem kurzen Video. “Dort steigt jetzt die Angst vor dem Einsatz von Chemiewaffen.”

Andreas Ring stellt klar, dass sogar die Profis vom Rettungsdienst eingebunden sind in die Planungen der NU: “Diese Unterkünfte bekommen immer eine Sanitätsstation beigestellt, so war es auch bei der ersten Flüchtlingswelle in Schöppenstedt.” Nebenbei will man mit diesem Service auch niedergelassene Ärzte motivieren, dort eine Sprechstunde anzubieten. “Vor allem die Lage bei den Kinderärzten im Landkreis ist ja ohnehin schon angespannt, und jetzt kommen noch die Flüchtlingskinder dazu.” Eine Sprechstunde in der NU könnte die Situation entschärfen.

„Ich bin sehr dankbar, dass sich das DRK Wolfenbüttel – und auch andere Organisationen – hier so stark engagiert. Betten, soziale Angebote, Verpflegung – gemeinsam können wir die notwendigen Angebote für die aus der Ukraine vertriebenen Menschen machen. Das ist ein starkes Zeichen für unseren Zusammenhalt im Landkreis“, sagt Heiko Beddig, erster Kreisrat des Landkreises Wolfenbüttel. Der Landkreis organisiert und betreibt die Sammelunterkünfte für geflüchtete Menschen.

Um den steigenden Aufgaben rund um die Flüchtlingshilfe gewachsen zu sein, sucht der Kreisverband jetzt eine Reihe weiterer Mitarbeiter:

Im Solferino Köche, Küchenhelfer und Ausgabehilfen. Vorkenntnisse in Gastronomie oder Küche sind wünschenswert, aber keine
Voraussetzung. Fremd­sprachenkenntnisse sind nicht erforderlich. Die Anstellung erfolgt auf Grundlage einer geringfügigen Beschäftigung. Einsätze sind auch (gern auch nur) am Wochenende erforderlich.

In der Flüchtlingshilfe pädagogische Mitarbeiter vorzugsweise Sozialarbeiter, Erzieher oder mit vergleichbaren Qualifikationen in Vollzeit, Teilzeit oder geringfügiger Beschäftigung. Dolmetscher (Ukrainisch, Russisch), engagierte Ehrenamtliche zum Beispiel zur Kinderbetreuung, Begleitung, Fahrdienste oder auch unterschiedliche Tätigkeiten zur Bewältigung des Alltags.

Im Rettungsdienst Rettungssanitäter und Notfallsanitäter zum Einsatz in der DRK-Rettungsdienst Wolfenbüttel gGmbH sowie zur Unterstützung der Sanitätsstationen in den Notunterkünften. Fremdsprachenkenntnisse (Englisch, Russisch, Ukrainisch) wären wünschenswert, sind aber keine Voraussetzung.


Alle Fotos: DRK.