„Diese Unrechtstat dürfen wir nicht vergessen!“

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Erinnerung an den Sickter Arzt

Dr. Julius Bockemüller

von

Dr. Diethelm Krause-Hotopp

Am 21. April 1943 wurde der Sickter Arzt Dr. Julius Bockemüller in Berlin Plötzensee von Nationalsozialisten ermordet. Er wurde am 10. Oktober 1895 in Thedinghausen geboren und machte am Wilhelm-Gymnasium (WG) in Braunschweig sein Abitur. Nach der Teilnahme am Ersten Weltkrieg studierte er Medizin und ließ sich 1924 in Sickte als Landarzt nieder.

Als Deutschnationaler hatte Bockemüller während der Weimarer Republik noch gewisse Sympathien für die nationalsozialistische Bewegung. Im Laufe der NS-Diktatur ging er zunehmend auf Distanz zum Unrechtsstaat und äußerte seine kritische Meinung offen gegenüber seinen Patienten und Freunden. Wiederholt warnten sie ihn, aber „Bokus“, wie er allgemein genannt wurde, fühlte sich in Sickte sicher.

Aber es gab zu dieser Zeit auch Menschen, die eine feindliche Haltung gegenüber Bockemüller einnahmen. Neider, Bockemüller lebte in Wohlstand (zwei Autos, Gärtner, Chauffeur, Köchin, Haushälterin; neues Haus), und politische Fanatiker. Außerdem war Bockemüller für den NS-Staat ein „Halbjude“.

Bei einem Hausbesuch in Rautheim am 1. Juni 1942 äußerte er sich gegenüber einem Freund sehr kritisch über die Situation in Deutschland und die Aussichten des Krieges: „Das muss so wie so anders werden, denn sonst ist ganz Deutschland bald ein großes Konzentrationslager.“

Über mehrere Stationen gelangten diese und andere Äußerungen zur Braunschweiger Gestapo. Am 27. Juli 1942 wurde Bockemüller verhaftet und wegen Landesverrats vor dem 2. Senat des Volksgerichtshofes in Berlin angeklagt, weil er ausländische Sender abgehört und die Nachrichten zum Schaden des deutschen Volkes in hetzerischer und umstürzlerischen Weise verbreitet habe.

Aus der beschlagnahmten Patientenkartei wurden, mit Unterstützung der örtlichen NSDAP Parteiführung, sechs Menschen aus dem Sickter Raum gefunden, die bereit waren, vor Gericht gegen Bockemüller auszusagen. Sie bestätigten seine „abfälligen Äußerungen“ über die Kriegslage und innenpolitischen Verhältnisse.

„Im Namen des Deutschen Volkes“ wurde Julius Bockemüller im Januar 1943 „zum Tode und zum dauernden Ehrverlust verurteilt.“ Als seine Mutter die Nachricht vom Todesurteil erhält, nahm sie sich im Sickter Haus das Leben.

„Heute ist der letzte Tag meines Lebens, eines Lebens, das in den letzten 10 Jahren, wie Du ja weißt, viel Kampf und viele Enttäuschungen mit sich gebracht hat. Ich scheide aus dieser Welt und hoffe, daß mir Gott gnädig sein möge.“ Mit diesen Sätzen beginnt der Abschiedsbrief von Dr. Julius Bockemüller, geschrieben in den Morgenstunden des 21. April 1943.

Das Leben und Wirken von Julius Bockemüller ist ein Beweis dafür, dass es den aufrechten Gang und verschiedene Widerstandsformen gegen die Nazi-Diktatur gab. Bockemüller musste – wie viele andere auch – seinen Mut und seine Courage mit dem Leben bezahlen. Er hat Würdigung und Ehrung verdient, weil er für unsere Freiheit und die demokratische Erneuerung unserer Heimat sein Leben ließ. Diese Tat sollten wir nicht vergessen.

Der Künstler Gunter Demnig wird am 29. Juni 2021, um 9 Uhr (wenn die Corona Bedingungen es zulassen) zur Erinnerung an Dr. Julius Bockemüller einen Stolperstein vor dem Wilhelm-Gymnasium in Braunschweig verlegen. Im März 2020 hatten Schülerinnen des WG das Schicksal von Julius Bockemüller auf einer Veranstaltung des Fördervereins „Stolpersteine für Braunschweig“ im Roten Saal im Schloss vorgestellt.

Foto (Diethelm Krause-Hotopp): Das Grab von Dr. Julius Bockemüller auf dem Friedhof in Sickte (Nähe Sportplatz).