DRK ist enttäuscht vom Urteil zur Karambolage

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Unfall mit RTW, 1 Toter, 230817, Jörg Koglin Caption: Unfall mit RTW, 1 Toter, 230817, Jörg Koglin Ausgabe: BS-Post PubDate: 2017.08.24 Caption: Auf einer Kreuzung in Wolfenbüttel sind gestern ein Porsche und ein Rettungswagen zusammengestoßen. Ein 80-jähriger Patient starb. Foto: Jörg Koglin-Auf einer Kreuzung in Wolfenbüttel sind gestern ein Porsche und ein Rettungswagen zusammengestoßen. Foto: Jörg Koglin Ausgabe: HK PubDate: 2017.08.24 Caption: Nach dem Unfall an der Kreuzung Neuer Weg/Salzdahlumer Straße im August waren vier Notfallseelsorger im Einsatz, um Angehörige und Rettungspersonal zu betreuen. Foto: Archiv Ausgabe: BS-WF PubDate: 2017.09.18
Wolfenbüttel. Einer der spektakulärsten Verkehrsunfälle der vergangenen Jahre in
Wolfenbüttel fand jetzt seine juristische Aufarbeitung vor dem
Amtsgericht. Am 23. August 2017 rammte ein Porsche-Fahrer an der
Kreuzung Neuer Weg/Salzdahlumer Straße einen DRK-Rettungswagen. Die
Retter waren im Einsatz gewesen. Im hinteren Abteil starb ein
Notfall-Patient. Der Notarzt und eine Rettungssanitäterin erlitten
schwere Verletzungen.

Strafrichter Holger Kuhlmann sah zwar einen vorsätzlichen
Gelblicht-Verstoß mit Geschwindigkeits-Übertretung und die mit dem
Unfall verbundene fahrlässige Körperverletzung als erwiesen an. Von
grober Verkehrswidrigkeit und rücksichtslosem Fahren könne jedoch nicht
die Rede sein. Daher erhielt der Angeklagte eine Geldstrafe von rund
6600 Euro und einen Monat Fahrverbot. Der Richter folgte damit dem
Antrag der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung.

Bei dem Unfall kippte der Rettungswagen auf die Seite. Eine
Rettungssanitäterin und der Notarzt wurden dabei verletzt. Dieser
schilderte als Zeuge dem Gericht, dass er noch heute aufgrund der
schweren Verletzungen insbesondere an der Schulter nicht voll
arbeitsfähig sei, an Reha-Maßnahmen teilnehmen müsse und motorisch
eingeschränkt sei. Er könne beispielsweise nie mehr als Notarzt
eingesetzt werden. Auch die verletzte Rettungssanitäterin werde
lebenslange Schäden behalten. Bei dem Unfall kam der Patient, der zuvor
reanimiert worden war, ums Leben. Einen kausalen Zusammenhang zwischen
dem Zusammenprall und dem Tod könne aber nicht nachgewiesen werden,
befand das Gericht. Dem DRK entstand zudem durch den zerstörten
Rettungswagen ein Sachschaden von rund 33.000 Euro.

Im Laufe des Verfahrens sagten 15 Zeugen und zwei Sachverständige aus.
Der Unfall wurde dadurch größtenteils rekonstruiert. Der Porsche-Fahrer
befuhr aus Braunschweig kommend den Neuen Weg in Richtung der Kreuzung.
Rund 50 Meter davor schaltete die Ampel auf Gelb, woraufhin der
61-Jährige die Geschwindigkeit seines Sportwagens erhöhte. Zur gleichen
Zeit kam der Rettungswagen von der Salzdahlumer Straße langsam und mit
vollem Martinshorn und Blaulicht auf die Kreuzung in Richtung Mittelweg
mit dem Ziel Klinikum.

Es konnte nicht bewiesen werden, dass der Porsche-Fahrer den
Rettungswagen zuvor habe wahrnehmen können. Mehrere Zeugen berichteten,
dass die Linksabbieger-Spur des Neuen Wegs voll belegt und so die Sicht
eingeschränkt war. Auch gaben mehrere Zeugen zu Protokoll, das
Martinshorn nicht wahrgenommen zu haben.

In letzter Sekunde wich der Sportwagenfahrer noch leicht nach rechts
aus. Ein Sachverständiger berichtete aus seinem Gutachten, dass der
Angeklagte wohl 65 km/h gefahren sein müsse und erklärte: „Bei 5 Km/h
weniger hätte der Unfall vermieden werden können.“ In der zeitlichen
Abfolge der Ereignisse wäre der Rettungswagen dann bereits über die
Kreuzung gefahren und der folgenschwere Zusammenprall hätte nicht
stattgefunden.

Ein anderer Sachverständiger meinte, dass die Geschwindigkeit des
Porsches eventuell auch geringer gewesen sein könnte. Das Gericht legte
sich daher auf 60 km/h fest. Der Rettungswagen fuhr dem Gutachten
zufolge mit rund 30 km/h auf die Kreuzung. Mehrere Zeugen bestätigten,
dass der Rettungswagen sich langsam in die Kreuzung hineingetastet und
der Fahrer sich umsichtig verhalten habe.

In der Urteilsverkündung erklärte der Richter: „Für den Fahrer des
Rettungswagens ist es stets ein Abwägen. Daher spielt es keine Rolle, ob
er sich noch langsamer in die Kreuzung hätte hineintasten können. Es
ging in diesem Moment um das Leben des Patienten.“ Der Fahrer sei nicht
verpflichtet, in der Kreuzung Schritt-Tempo zu fahren. Zudem habe er
selbstverständlich – bei Blaulicht und Martinshorn – ein
Sonderfahrtrecht und somit automatisch Vorfahrt.

Fast 50 Zuschauer im Gerichtssaal – darunter zahlreiche
Rettungssanitäter – verfolgten das Verfahren. Einige brachen bei der
Urteilsverkündung in Tränen aus. „Die Rettungskräfte des DRK sind von
diesem Urteil maßlos enttäuscht“, bestätigte DRK-Vorstand Andreas Ring.
Haupt- und ehrenamtliche Kräfte würden auf diese Weise verunsichert. Es
führe zu einem starken Vertrauensverlust in die Rechtslage. „Ich kann
meinen Notfall-Sanitätern ja nicht sagen, dass sie bei einem
Notarzt-Einsatz an einer roten Ampel geduldig warten sollen“, so Ring.
Das Urteil sende ein verheerendes Signal an die Gesellschaft, findet
Ring. Es entstehe das Gefühl, dass es egal sei, wie man sich im
Straßenverkehr verhalte. Der Respekt vor Einsatzfahrzeugen im
Straßenverkehr und auch vor Rettungskräften habe ohnehin dramatisch
abgenommen, so Ring. „Es ist wichtig, dass festgestellt wurde, dass sich
unser Fahrer einwandfrei verhalten hat. Für uns geht es jetzt darum,
allen unseren Rettungskräften den Rücken zu stärken“, sagte der DRK-Vorstand.

Zudem kritisierte Andreas Ring das Vorgehen im Prozess, den
Todesfall des Patienten aus dem Verfahren herauszulassen. „Der Notarzt
hatte den Mann erfolgreich reanimiert. Er war am Leben. Beim Unfall ist
er gestorben. Für mich ist die Ausgangslage klar“, sagte der DRK-Vorstand.

Foto: Bei dem Zusammenprall wurde der DRK-Rettungswagen umgeworfen. Foto: DRK-Archiv/Jörg Koglin

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