DRK-PSNV-Staffel aus Wolfenbüttel zur Fortbildung in Eschede

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DRK-Pressemitteilung 14.04.22

Wolfenbüttel. Die ehrenamtliche Katastrophenschutzformation für Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) des DRK-Kreisverbandes Wolfenbüttel machte sich auf die eine knappe Autostunde und 80 Kilometer entfernte Tour nach Eschede, dem Ort, dessen Name schicksalhaft mit der ICE-Katastrophe vom 1998 verbunden ist und als Geburtsort der Notfallseelsorge in Deutschland gilt.

Um 10:59 Uhr entgleiste am 3. Juni 1998 der ICE 151 Conrad-Wilhelm-Röntgen bei Tempo 200 an einer Weiche in Eschede und prallte gegen die Pfeiler der Rebberlaher Brücke. Die ersten vier Waggons konnten die Brücke noch passieren, dann stürzte die 200 Tonnen schwere Brücke ein und zerquetschte den fünften Waggon halb, die restlichen sieben Waggons schoben sich zusammen, der vordere Triebkopf kam nach zirka zwei Kilometern zum Stillstand. 101 Menschen starben, viele wurden zum Teil schwer verletzt, einige leiden noch immer unter den Folgen. Die bedrückenden Bilder mussten auch von den zahlreichen Einsatzkräften verarbeitet werden.

Katastrophen kommen aus heiterem Himmel und haben eine ganz eigene Dynamik. Das haben die Mitglieder der DRK-Staffel PSNV Wolfenbüttel bei ihrem ersten Staffel-Einsatz im Rahmen der Flutkatastrophe im Juli 2021 im Ahrtal festgestellt. Die PSNV-Staffel wurde als Teil der vom DRK gestellten Katastrophenschutzeinheiten des Landkreises Wolfenbüttel erst 2020 aufgestellt. Sie setzt sich aus Mitgliedern der PSNV des DRK-Kreisverbandes Wolfenbüttel und Mitgliedern der Notfallseelsorge Wolfenbüttel zusammensetzt und wird vom DRK-Gruppenführer Rainer Elsner geleitet.

Eschede wurde nun Mitte März 2022 Ort einer zweitägigen Fortbildung der PSNV-Staffel, um mit leitenden Einsatzkräften der damaligen Katastrophe ins Gespräch zu kommen und vor Ort Erfahrungen auszutauschen. Von Augenzeugen und mit den Abläufen gut vertrauten Fachleuten, die seinerzeit verantwortlich leitend den Einsatz maßgeblich koordiniert hatten, das Szenario und das Vorgehen an der Unglücksstelle und heutigen Gedenkstätte geschildert zu bekommen, hatte eine beeindruckende Intensität. Vor Ort standen der ehemalige Kreisbrandmeister Gerd Bakeberg und der damalige stellvertretende Gemeindedirektor Klaus Drögemüller dem Team Rede und Antwort und führten die Gruppe durch Eschede, erläuterten die Abläufe und gaben viele Hintergrundinformationen auch zur Zeit nach dem Unglück und zu dessen Aufarbeitung.

Angesichts der Dimensionen der Katastrophe fällt es schwer, die richtigen Worte zu finden, aber es gab seinerzeit wohl doch so etwas wie das sprichwörtliche „Glück im Unglück“, wie beispielsweise, dass infolge einer baustellenbedingten Gleisbaustelle in der Nähe von Hannover es keine Begegnung von zwei ICE auf der Strecke gekommen ist und der Unglückszug „nur“ alleinbeteiligt war sowie die Unglücksstelle logistisch gut zugänglich war. Zudem war die örtliche Einsatzleitung durch die verheerenden Waldbrände in der Heide 1975 bereits mit Großschadenslagen vertraut und man hatte die damaligen Probleme erkannt, ausgewertet und versucht Vorsorge zu treffen.

Äußerst beeindruckend waren die Schilderungen zu den von den Verantwortlichen eingeleiteten Maßnahmen und dazu, was sich an Eigendynamik durch die Bevölkerung von Eschede sowie unmittelbaren Anwohner spontan entwickelt hatte.

Wenn es eine Lehre aus der Katastrophe und klare Empfehlung an andere Katastrophenschutzeinheiten gibt, dann vor allem die, dass unmittelbar alles, was mobilisierbar sein könnte, auch umgehend alarmiert wird. „Groß denken und handeln“ sei das erste Gebot der Stunde, so die erfahrenen und maßgeblich an der Bewältigung der Einsatzlage beteiligten damaligem Verantwortlichen. Es wurden 1998 alle überregional angebotenen Hilfen angenommen und versucht, strukturiert die Großschadenslage abzuarbeiten. Wenn man die Bilder und Berichte vor Augen hat mit der ungefähr 700 Meter langen Unglücksstelle und dem unvorstellbaren Maß an Zerstörung, schwer zugänglichen verkeilten Waggons und Großzahl an Verunglückten, dann ist es rückblickend schon beachtlich, dass bereits gegen 14:30 Uhr alle Verletzten geborgen und auf dem Weg in die Kliniken waren.

Sehr interessant war auch zu hören, wie parallel zum Abarbeiten der eigentlichen Unglücksstelle neben vielen anderen einzuleitenden Maßnahmen unter anderem die Steuerung einer geordneten Medienberichterstattung organisiert wurde. Das Interesse an der Berichterstattung von vor Ort durch die vielen Medienberichterstatter wurde durch geordnete und begleitete Führungen in einem vorgegebenen Zeitfenster und ausgewählten Einsatzabschnitten sichergestellt, ohne dass die Bergungsarbeiten dabei erschwert oder gestört wurden. Zudem wurde unter anderem umgehend für die Trauerbewältigung ganz in der Nähe der zerstörten Brücke mit einem großen aus Paletten improvisierten Kreuz ein Ort der Trauer zur Ablage von Blumengebinden geschaffen, was sich als sehr hilfreich und wichtig herausgestellt hatte. Dieser Ort der Trauer ist heute die am Unglücksort errichtete Gedenkstätte mit ihren 101 Kirschbäumen.

Im Einsatz waren bei dem Unglück zirka 1.900 Mitarbeitende vom Rettungsdienst, Technischem Hilfswerk, Polizei und Bundeswehr sowie rund 500 Einsatzkräfte der Feuerwehr. Unter anderem waren 274 Rettungsfachkräfte, 40 Ärztinnen und Ärzte und 39 Notärztinnen und Notärzte sowie 268 Mitarbeitende des nichtärztlichen Rettungsdienstes in die Rettung eingebunden. Die Feuerwehren hatten 100 Fahrzeuge im Einsatz, 19 Rettungshubschrauber, 42 Kranken- sowie 46 Rettungswagen waren vor Ort. Die Bundeswehr war mit 190 Soldaten, drei Bergepanzern, drei Transall-Transportflugzeugen sowie 18 Hubschraubern vertreten.

Selbst für routinierte Helferinnen und Helfer bedeutete die Verarbeitung des Unglücks eine außergewöhnliche psychische Belastung. Die Vielzahl von Verletzten und tödlich verunglückten Menschen waren Bilder und Erlebnisse, die sich tief in die Psyche der Helferinnen und Helfer eingebrannt haben.

Das Zugunglück von Eschede war das erste große Unglück in Deutschland, bei dem anschließend systematisch und in großem Umfang Einsatznachsorge betrieben wurde, um über einen langen Zeitraum die belasteten Einsatzkräfte zu unterstützen und zu begleiten.

Auch die im Landkreis Wolfenbüttel tätigen Mitglieder der PSNV-Staffel, die teilweise neben der Betreuung von Betroffenen auch im System der Einsatznachsorge tätig sind, helfen bei der Bewältigung besonders belastender Einsatzerfahrungen, wie sie zum Beispiel bei schweren Verkehrsunfällen oder dem Massenanfall von Verletzten auftreten können.

In diesem Rahmen ist es Standard, sich regelmäßig entsprechend fortzubilden, um im Bereich der Psychosozialen Notfallversorgung und auch zur Qualitätssicherung für den Ernstfall und mögliche Einsatzszenarien gut vorbereitet zu sein. Neben theoretischen Fortbildungen, Rollenspielen und Dienstabenden ist da der praktische Erfahrungsaustausch wie mit den Kollegen der damaligen Einsatzleitung in Eschede ein wichtiger und hilfreicher Baustein.

Die Fortbildung wurde von den Staffelmitgliedern, die in der Notfallseelsorge Wolfenbüttel, dem SbE-Regionalteam Wolfenbüttel und dem DRK-Kriseninterventionsteam ehrenamtlich tätig sind, zugleich auch zum Anlass genommen, sich inhaltlich mit möglichen neuen Herausforderungen der aktuellen Lage der Kriegsflüchtlinge und der Helfenden zu befassen und sich organisatorisch und fachlich vorzubereiten.