Eine Mühle hebt ab…

0
993

oder: Die unendliche Geschichte der Sanierung eines maroden Hausbaumes

Sie ist weithin sichtbar, ein historisches Wahrzeichen am nordwestlichen Elmhang,
technisches Wunderwerk, beeindruckendes Zeugnis vergangener Zeiten, museales
Anschauungs-objekt der Zimmermanns- und Mühlenbaukunst, touristisches und kulturelles
Highlight, beliebtes Ausflugsziel zahlreicher Schulklassen, Studentinnen und Studenten,
Ferienkinder sowie (Zweirad-)Touristen – und der heimliche Liebling der Hochbauabteilung
der Gemeinde Cremlingen:

Die Bockwindmühle von Abbenrode!

Über 300 Jahre alt, 1880 nach Abbenrode versetzt und bereits seit 1944 unter Denkmalschutz stehend, war die Abbenroder Bockwindmühle bis zum Ableben ihres letzten Müllers, Erich Röhl, in Betrieb. Das war 1980, Anfang April. Bereits im Oktober desselben Jahres übernahm die Gemeinde Cremlingen das Anwesen mit Bockwindmühle,
Wirtschaftsgebäude/Motormühle und Müllerhaus in ihr Eigentum, um es vor dem Verfall zu
bewahren, für die Nachwelt zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen – ein
Vorhaben, das regelmäßig wiederkehrend viel Arbeit und hohe Kosten verursacht.

Der 1981 gegründete „Verein zur Erhaltung der Bockwindmühle Abbenrode e. V.“ führt die
kleineren Reparaturen und Wartungsarbeiten durch, pflegt Gebäude und Gelände,
bewirtschaftet das Ensemble und füllt es mit Leben. Bei Führungen, Ferienaktionen und
organisierten Mühlentagen werden die musealen Gebäude für interessierte Besucherinnen
und Besucher geöffnet. Ein Backhaus nach historischen Vorbild wurde eigens vom Verein
dafür errichtet und betrieben.

Dagegen kümmert sich die Verwaltung der Gemeinde Cremlingen seit nunmehr gut 40 Jahren
um die größeren, meist kostspieligen Unterhaltungs- und Umbaumaßnahmen an Mühle und
Nebengebäuden – stets im Austausch mit dem Verein und der Denkmalschutzbehörde:

Nach schweren Sturmschäden in Jahren 1972 und 1990 erfolgte 1994/95 die erste große
Sanierung unter Federführung der Gemeinde. In enger Abstimmung mit der
Denkmalschutzbehörde des Landkreises Wolfenbüttel wurde die Mühle komplett ab- und
wieder aufgebaut, da sämtliche tragenden Holzteile und ein Flügelpaar erneuert werden
mussten. Zu nennen sind dabei u.a. die Kreuzschwellen und Streben des Bockes, der
mächtige Hammerbalken sowie die Mehlleisten, die das gesamte Gewicht des Mühlenkastens
tragen. Um an das Gebälk zu gelangen, musste auch die 1932 gemauerte Bockumhausung
aus Ziegelsteinen abgerissen werden. Sie wurde beim Wiederaufbau durch eine
Holzverschalung ersetzt. Der 5,55 m lange Hausbaum, das „Herzstück“ jeder Bockwindmühle, über den alle Lasten abgetragen werden und sich die Mühle in den Wind drehen lässt, war damals schon im Bereich des Drehzapfens sowie am Hausbaumfuß beschädigt und von Käferbefall geschwächt. Aus Gründen der Denkmalpflege wurde der Hausbaum seinerzeit jedoch nicht ersetzt. Es sollte möglichst viel des ursprünglichen Materials erhalten bleiben – aus heutiger Sicht vielleicht eine falsche Entscheidung.

Im Zuge der Sanierung des zweiten Flügelpaares 2004/2005 zog der neue technische
Mitarbeiter der Hochbauabteilung, Andreas Bätker, einen Holzgutachter hinzu, um den
zunehmenden Schädlingsbefall des Hausbaumes in Augenschein zu nehmen. Bätker, von
Haus aus Zimmermann und selbst „Freiwilliger Müller“, plante, organisierte und begleitete
fortan sämtliche Maßnahmen zum Erhalt der Abbenroder Mühle mit viel Herzblut und
Sachverstand.

In der Folge erhielt der Hausbaumfuß ein Stahlkorsett sowie Injektionen mit Holzersatzmasse
(Holzmehl in Epoxidharz) zur Stabilisierung. Eine chemische Behandlung mit Borsalz sollte
dem gescheckten Nagekäfer den Garaus machen. Letzteres war jedoch von wenig Erfolg
gekrönt, sodass 2007/08 eine thermische Behandlung sowohl der Bockwindmühle als auch
der Motormühle im benachbarten Wirtschaftsgebäude erfolgte, die nach erneutem Befall zwei
Jahre später wiederholt werden musste. Aber auch die Wirkung dieser Methode war nicht von
Dauer, der Zustand des Hausbaumes verschlechterte sich stetig.

In den Jahren 2010/11 hat die Gemeinde das ehemalige Müllerhaus kernsaniert und für ein
Café im Erdgeschoss sowie die Unterbringung einer musealen „Heimatstube“ im
Obergeschoss umgebaut. Die Motormühle wurde zum Museum weiterentwickelt,
Besucherparkplätze und feste Wege geschaffen, später auch Fahrradabstellmöglichkeiten.

Nachdem der Mühlenverein 2018 erneut massiven Schädlingsbefall gemeldet hatte,
beauftragte die Verwaltung Gutachten zum Zustand des Hausbaums (Joachim Wiesner,
Sachverständigenbüro für Holzschutz), seiner Tragfähigkeit (Bernd Hansen, Statiker) sowie
der Mühle insgesamt (Rüdiger Hagen, Müllerei- und Mühlenbautechniker):

Im Ergebnis ist der über 300 Jahre alte Hausbaum, auf dem das gesamte Gewicht der Mühle
lastet, durch Pilzbefall sowie die Fraßgänge des gescheckten Nagekäfers derart in seiner
Stabilität geschwächt, dass die Mühle wegen Bruchgefahr Anfang 2019 für jeglichen Betrieb
und Besucher gesperrt werden musste. Der Austausch des nicht mehr tragfähigen
Hausbaumes verbleibt als einzige Option, die Bockwindmühle Abbenrode für die Zukunft zu
rüsten. Weiter sind die Außentreppe und die beiden Flügelpaare dringend sanierungsbedürftig.
Letztere zum einen altersbedingt, zum anderen durch den erzwungenen Stillstand der Mühle
dem beschleunigten Verfall preisgegeben.

Nun galt es zunächst, die erforderlichen Maßnahmen zu konkretisieren und die Kosten für die
umfangreiche Sanierung zu schätzen, die sich nach ersten Berechnungen der Verwaltung und
des Mühlenbautechnikers auf rund 186.000,-€ beliefen. Die Verwaltung stellte Anträge für die
denkmalrechtliche Genehmigung, organisierte Anfang 2020 gemeinsame Ortstermine mit
Vertretern der Landesdenkmalbehörde, der Denkmalschutzbehörde des Landkreises
Wolfenbüttel sowie des Mühlenvereins und warb Fördermittel bei der Stiftung Zukunftsfond
Asse ein. Die Corona-Pandemie, allgemein steigende Preise im Bausektor sowie die
angespannte Arbeitssituation im Handwerk wie auch in der Bauverwaltung bremsten die
Vorbereitungen zur Sanierung jedoch immer wieder aus und ließen die geschätzten Kosten
auf nunmehr 225.000,-€ ansteigen.

Nachdem der Rat der Gemeinde Cremlingen in seiner Sitzung am 16.03.2021 die umfassende Sanierung der Bockwindmühle beschlossen hatte, konnten die erforderlichen Arbeiten durch die Verwaltung ausgeschrieben und an fachkundige Müllerei- und Mühlenbaubetriebe vergeben werden. Nahezu zeitgleich gingen die denkmalrechtliche Genehmigung sowie der Bescheid über die Bewilligung von Fördermitteln aus dem Zukunftsfonds Asse in Höhe von 120.000,-€ ein. Rund 100.000,-€ werden von der Eigentümerin, der Gemeinde Cremlingen, finanziert. Der Verein zur Erhaltung der Bockwindmühle Abbenrode e. V. unterstützt die Maßnahme mit weiteren 10.000,-€, vor allem aber durch Arbeitseinsätze, Dokumentation der
Schäden und Arbeitsschritte, Öffentlichkeitsarbeit sowie die Ausrichtung von Veranstaltungen
zugunsten der Mühle. Interessierte Leserinnen und Leser können auf die Homepage des
Vereins viele weitere Informationen finden:
https://www.museumsmuehle-abbenrode.de/?Muehle_Abbenrode

Anfang Dezember 2021 wurden dann zunächst die beiden Flügelpaare demontiert, um die
Mühle mit ihrer labilen Statik während der Winterstürme nicht noch zusätzlichen Belastungen
und weiteren Schäden auszusetzen. Dabei kamen Schwerlastkran und Hubsteiger einer
Braunschweiger Firma zum Einsatz. Allein die Anfahrt des Krans über die schmale,
gepflasterte Zufahrt an der Motormühle vorbei, die mit Stahlplatten gegen das Einsinken des
Kranwagens gesichert werden musste, war Millimeterarbeit und ein Schauspiel für sich!
Nacheinander wurden die Flügel gelöst und behutsam aus dem Wellkopf gehoben. In der
Werkstatt der Zimmerei Blümner (Altmark) wurden sie über den Winter restauriert und nach
historischem Vorbild um 1900 wieder mit Jalousieklappen aus Alu-Blech versehen.

In der zweiten Märzhälfte 2022 war es dann soweit:
Um den Hausbaum austauschen zu können, musste der Mühlenkasten vom Bock gehoben
werden. Im Vorfeld war die hölzerne Bockumhausung leergeräumt und abgebaut worden.
Wieder rückten Schwerlastkran und Hubsteiger an. Zahlreiche Schaulustige, darunter
Vereinsmitglieder, Vertreter aus Politik und Presse, an der Sanierung beteiligte Handwerker,
Kindergartenkinder der KiTa Elmwichtel sowie die verantwortlichen Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter der Verwaltung verfolgten das Spektakel bei strahlendem Sonnenschein und
nahezu Windstille – zwei Tage zuvor wäre die Aktion wegen des starken Windes gar nicht
möglich gewesen.

Bereits in den frühen Morgenstunden wurden Stert, Außentreppe und Müllerstube demontiert
und beiseite gehoben, um dann den Mühlenkasten – an zwei Strahlträgern und Schlaufen
hängend – vorsichtig vom Hausbaum zu lösen – mitsamt den beiden Mahlgängen, Trichter,
Elevatoren, Mischmaschine, Hammerbalken, Flügelwelle, Kammrad usw.! Ein kniffliges, von
Rüdiger Hagen dirigiertes Unterfangen: Wo liegt der Schwerpunkt der Mühle bzw. der
Einrichtung? Bekommt sie Übergewicht und kippt? Wie reagieren die Hölzer auf die
Kraftumkehr beim Anheben des Mühlenkastens? Die Erleichterung was groß, als der
Mühlenkasten endlich frei hing und zur eigens für die Zwischenlagerung errichteten
Stahlträgerkonstruktion schwebte. Alles gut gegangen!

Inzwischen hat der Zimmereibetrieb die abgebauten Kreuzschwellen und Streben des Bockes
zur Überarbeitung sowie den maroden Hausbaum zur Konservierung abtransportiert. Das
Rondell der Bockumhausung ist bis auf die Fundamentsteine leergeräumt und wartet nun auf
die nächsten Schritte – es bleibt spannend!

Text: Gemeinde Cremlingen (Cornelia Petrasch und Andreas Bätker)

Oops...
Slider with alias slider21 not found.