Häusliche Gewalt ist aktueller denn je

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DRK-Pressemitteilung

Wolfenbüttel. Häusliche Gewalt ist ein Thema, das derzeit intensiv diskutiert wird in der Bevölkerung. Der Corona-Lockdown hat da einiges verschärft und viele Problemfälle zu Tage gefördert. Nun hat die DRK-inkluzivo gGmbH des DRK-Kreisverbandes Wolfenbüttel den Diskurs erweitert um das Thema “Gewalt an Menschen mit Behinderungen”. Eine Woche lang fanden Aktionen dazu statt, vom Selbstverteidigungskurs bis zur Fortbildung; eine Kinoreihe allerdings musste coronabedingt verschoben werden und ist nun für Juli geplant.

Höhepunkt der Woche war eine Podiumsdiskussion unter Zelten im Garten des Integrations- und Therapie-Zentrums (ITZ). Mit Moderation von Gastgeberin Katharina Hefenbrock, der Fachleiterin des Familienentlastenden Dienstes (FED), sprachen dort Petra Ehlers als Mutter einer Tochter mit Behinderung und als Sozialpädagogin von der Auris-Beratungsstelle Braunschweig, Georg Fiedeler vom Männerbüro Hannover und Axel Thunrey, der als nahezu Gehörloser im Service eines DRK-Integrationsbetriebes arbeitet. Nach mittlerweile zehn Jahren gilt Thunrey sogar als Gesicht des “Solferino” am Exer.

So harmonisch verlief das Leben für ihn aber nicht immer. Mit 10 oder 11 Jahren wurde er in der Schule nicht nur gehänselt wegen seiner Behinderung, sondern auch geschlagen. “Der Direktor hat mir nicht geglaubt und immer gesagt, ich soll es beweisen”, verdeutlichte Thunrey am Mikrofon, in welchem Dilemma er als Kind steckte. Denn wer nicht oder kaum hören kann, kann sich auch nicht oder kaum verständlich machen. “Noch heute habe ich diese Gewalterfahrungen im Kopf und wache nachts aus Albträumen auf.”

Thunreys Beispiel zeigte, was auch Sozialpsychologe Fiedeler berichtete: “Es gibt ein breites Spektrum von Gewalt.” Persönliche oder politische Gewalt, sexuelle Übergriffe oder Repressalien im öffentlichen Raum und in Institutionen – “sogar eine fehlende Rampe an der Treppe zum Rathaus kann für Rollstuhlfahrer ein Beispiel sein, denn der Ausschluss von Teilhabe bedeutet Gewalt.”

In welcher besonderen Situation sich bei Übergriffen Menschen mit Behinderung befinden, berichtete Petra Ehlers, deren Tochter geistig behindert ist und nicht verbal kommunizieren kann. In der Schule sei das Mädchen auf dem Pausenhof mehrfach teils entkleidet gefunden worden. “Aber die ersten Vorwürfe gingen immer an sie, weil die Lehrer davon ausgingen, meine Tochter habe sich freiwillig ausgezogen.” Ähnlich wie bei Axel Thunrey sah sich das Opfer in eine Täter-Rolle gedrängt. “Das hat mein Vertrauen in die Welt erschüttert.”

Fiedeler bestätigte das. “Behinderung ist in Deutschland ein Risikofaktor.” Diese Gruppe der Bevölkerung sei angreifbarer, außerdem glaubten die Täter, vor Verfolgung sicher zu sein. Petra Ehlers: “Meine Tochter konnte nicht sprechen, also konnte sie nicht petzen.” Nach Fiedelers Recherchen sind Menschen mit Behinderung viermal häufiger von sexualisierter Gewalt betroffen als andere. Dabei sei der Übergriff schlimm – fast schlimmer noch sei aber der Umgang der Gesellschaft mit dem Übergriff. “Gerade im häuslichen Umfeld haben die Opfer Angst, den Vorfall an die große Glocke zu hängen weil sie sich fragen, muss ich dann meine Familie verlassen?”

Und selbst wenn dann Ordnungskräfte eintreffen, bedeutet das nicht automatisch Gutes für die Beteiligten. Petra Ehlers berichtete aus ihrem Alltag in der Beratungsstelle für Hörgeschädigte: “Das intensive Gestikulieren der Menschen, die nicht sprechen können, wird oft missverstanden.” Es habe Beispiele gegeben, wo die Polizei auf die vermeintliche Aggression falsch reagiert und dem Opfer die Hände auf dem Rücken fixiert habe. “Für Nicht-Hörende ist das aber genau so, wie wenn sie Hörenden den Mund zuhalten – sie können sich nicht mehr artikulieren.”

Gerade persönliche Berichte und viele Beispiele machten den Vortrag im ITZ-Garten so eindrücklich. Am Ende meldeten sich auch viele betroffene Eltern zu Wort. “Gerade dieser Austausch war uns wichtig”, bilanzierte Katharina Hefenbrock später. Sie war doppelt froh, immerhin kamen Zuhörer aus der gesamten Region und sogar aus Hildesheim nach Wolfenbüttel. “Ich habe im Anschluss viele positive Reaktionen erhalten.”

Ihre Erfahrungen sollen nun in den nächsten Schritt münden: “Wir sind im vorigen Jahr mit dem Thema Gewalt an Menschen mit Behinderungen in Berührung gekommen”, sagte sie. Schnell sei klar geworden, dass es in der Region keinerlei Anlaufstellen bei Übergriffen auf Erwachsene gibt. “Als Bilanz unserer bisherigen Arbeit kann ich jetzt schon sagen, dass wir langfristig eine solche Anlaufstelle schaffen wollen.”

Der Bedarf für Angebote dieser Art sei offenbar groß: “Als wir unseren ersten Selbstverteidigungskurs angeboten haben, wurde von den Teilnehmern umgehend eine monatliche Wiederholung eingefordert.” Nun prüfe das ITZ, wie das umgesetzt werden könnte, da der Lehrer aus Bremen anreise. “Multiplikatoren für die Selbstverteidigungskurse müssen gefunden werden, um so etwas in der Region anbieten zu können.”

Foto: So entspannt ging es beim Vortrag im ITZ-Garten unter Zelten zu. Foto: DRK

Titelfoto: Das Podium war besetzt mit (von links): Petra Ehlers, Axel Thunrey, Georg Fiedeler und Moderatorin Katharina Hefenbrock. Foto: DRK