PilgerAKADEMIE mit LANDRADL auf historischen Spuren

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Mobilität & Inspiration neu denken

PilgerAKADEMIE mit LANDRADL auf historischen Spuren

Veltheim Pilgern mit einem Drahtesel, geht das überhaupt zusammen? Ein Dutzend Leute machten den Praxistest auf dem Braunschweiger Jakobsweg.

Die einen kommen mit ihrem eigenen E-Bike zum Treffpunkt Pilgerherberge Veltheim. Die anderen nutzen das Angebot des Fahrradverleih-System LANDRADL ELMO und mieteten sich, ganz easy, ein Pedelec an der Verleihstation Wiesenweg 2 in Veltheim. Ab an den Start. Noch eine kurze spirituelle Einstimmung in der Kirche St. Remigius, und die Räder rollen durch das Vorland des Elms zur Bock-Windmühle in Abbenrode. Ein erster Break und ein weiter Blick in das schöne Braunschweiger Land, das schließt alle Sinne auf. Michael Fuder (Pilgerbegleiter) erzählt die Geburtsgeschichte des Liedes von Paul Gerhardt: „Geh aus mein Herz …“ Spontan stimmen alle in das Lied mit ein.

Auf Feldwegen nach Bornum „er-fahren“ wir die Weite des historischen Hellwegs. Ein Handelsweg aus uralter Zeit zwischen Ost- und West-Europa. Später wurde er auch zum Pilgerweg nach Santiago de Compostela in Spanien, dem Jakobsweg.

Born“ ist die historische Bezeichnung für Brunnen. Dann wird es wohl in „Bornum“ auch einen Brunnen geben. Neben der Straße an der Kirche entdecken wir ihn. Sprudelndes Wasser fließt aus dem Hahn in einen Holztrog. Jesus und eine Samariterin sprechen miteinander am Brunnen (Joh. 4, 1-42). Jesus erschließt ihr eine neue Kategorie: „Ich gebe dir lebendiges Wasser“ – für ein Leben jenseits des Erkennbarem – „für ein ewiges Leben.“

Born“ ist aber auch das alte Wort für „geboren“ (im Englischen heute noch). Erich Fromm gibt uns eine neue Sichtweise mit auf den Weg: „Die Geburt ist nicht ein augenblickliches Ereignis, sondern ein dauernder Vorgang. Das Ziel des Lebens ist es, ganz geboren zu werden…“

Und wieder erfahren wir die Weite des Hellwegs. Die Spitzen des Kaiserdoms Königslutter kommen in Sicht. Über Lauingen und vorbei an einer Kastanienallee erreichen wir am Marktplatz die Stadtkirche Königslutter. Wir sind hier nachweislich auf dem historischen Jakobsweg. 1835 wurde beim Bau des Ratskellers westlich der Kirche ein Pilgergrab mit Pilgermuscheln gefunden.

Nun aber zur Einkehr in die Stadtkirche. Dort wartet ein Überraschungsgast auf uns: Matthias Wengler, Propsteikantor der ev.-luth. Propstei Königslutter. Mit einem kleinen Orgelkonzert entführt er unsere Gedanken und Seelen in eine Welt, in der Verborgenes in vielen Varianten durchscheint. Danke!

Der Kaiserdom liegt angehoben über der Bürgerstadt. Von weitem sichtbar, und als Grabeskirche für die Ewigkeit gebaut. Wir begeben uns auf Spurensuche beim Jagdfries an der Außenseite der Hauptapsis, im romanischen Kirchenraum und im Kreuzgang des Klosters. Wo ist mein Lieblingsplatz?

Lutteraufwärts sind wir unterWEGs durch eine traumhaft schöne Natur in das Quellgebiet, nach Lutterspring. Nichts bringt Wallfahrer und Pilger besser voran als eine Pause. Das war schon so bei den alten Israeliten und auch zu Zeiten Jesu war die Rast Zeit der Begegnung. Ein besonderer Dienst: Sich gegenseitig die Füße waschen. Und das tun wir auch im Quellwasser der Lutter, das weckt wieder alle Lebensgeister. Das ist auch gut so für die nun folgenden 135 Höhenmeter zum Drachenberg. Eine ausgiebige Vesperpause belohnt alle RadPilger.

Auch der Elm hat seinen Höhenweg. Der führt uns zur Elmwarte am Westrand des Elms, hoch über Lucklum, mit einem grandiosen Weitblick in die „Toskana des Nordens“. Einfach „Seele baumeln lassen“.

Mit vorsichtiger Fahrt geht es hinab zum alten Dorf Erkerode am Tor zum Reitlingstal. Das Wasser der springenden Wabe und der Kalkstein des Elms prägen noch heute das historische Ortsbild am Kirchanger in Dorfmitte. Die Zeit scheint gedehnt, das hier und jetzt zeitlos. Neben der romanischen Dorfkirche der Wildkeller der Kommende des Deutschritterordens, an der Wabe die Wassermühle aus dem 12. Jh. Das Dorfbild wird auch heute noch von mittelalterlichen Höfen bestimmt.

Über den Pastorenweg und entlang der Wabe gelangen wir zur ehemaligen Deutschritterkommende in Lucklum. Den weiten Gutshof quert die Wabe, die Kommendekirche ist eingebunden in breite Kommendegebäude. Im 18. Jh. wurde die Kirche in der Kunstform der Emblematik ausgestattet: eine Bildzeitung des 18. Jh. für humanistisch gebildete Personen. Ein Bild verweist auf einen höheren Sachverhalt. Dieser wird durch ein Motto über dem Bild und eine Erklärung unter dem Bild dargestellt. Da wir Gott nicht erforschen können, können wir uns ihm nur tastend nähern, für die Logik bleibt ein sinnverhüllender Rätselcharakter, erläutert Josef Pongratz (Pilgerbegleiter).

Nun noch der letzte Hügel hoch nach Veltheim. In der Pilgerherberge wartet schon eine kräftige Pilgersuppe und ein kühles Frisches auf die Pilger. Gastfreundschaft unter Pilgern herzhaft zu erleben ist etwas Wunderbares.

 

Bildnachweis: Michael Fuder