Wann sind wir nicht mehr von Gaslieferungen aus Russland angewiesen?

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Schwarze Fotografie

Hans Witzkewitz im Gespräch mit Prof. Dr. Stalmann:

Cremlingen.online: Herr Professor, Sie wollten nochmal das Thema aufgreifen, was Deutschland tun muss, um aus der Energie-Abhängigkeit von Russland herauszukommen.

Prof. Dr. Stalmann: Da hat sich an den Prioritäten wenig verändert, ich denke Deutschland kann als erstes auf Kohle verzichten und außerdem ist es auch möglich, sich einem Ölembargo anzuschließen.
Schwierig wird es beim Gas, da muss man wirklich sehen, alle Möglichkeiten zu nutzen, den Gasverbrauch zu reduzieren. Also Förderung der elektrischen Wärmepumpen gerade im privaten Bereich, Förderung der alternativen Energien, was die Stromerzeugung durch Windkraft und Photovoltaik angeht und natürlich auch die Erschließung von Erdgasreserven, soweit diese politisch und wirtschaftlich nutzbar sind.
Was ich für ungeeignet halte, ist der Abbau von Ölschiefervorräten, das betrifft ja gerade auch Vorkommen in unserer Gegend. Dies würde ja auch nicht den Gasbedarf decken.

Cremlingen.online: Bleibt die drängende Frage: Wo bekommen wir Gas her?

Prof. Dr. Stalmann: Wir haben noch einige Vorkommen bei uns in Niedersachsen, die sind zwar nicht groß, aber sie sind da.

Cremlingen.online: Wäre das dann Fracking?

Prof. Dr. Stalmann: Soviel ich weiß, gibt es noch Felder im Norden von Niedersachsen an der Küste bzw. unter der Nordsee, die ohne Fracking gefördert werden können.
Aber auch wenn das von manchen aus prinzipiellen Gründen immer abgelehnt wird, sollte man wieder ernsthaft über Fracking nachdenken. Mittlerweile sind die chemischen Verfahren schonender, teilweise sind die inzwischen verwendeten Chemikalien sogar biologisch abbaubar und das Ganze ist auch nicht mehr mit größeren Erschütterungen verbunden, so dass man das inzwischen unter Ausschluss der Gefahren tun kann, die immer an die Wand gemalt werden. Gemessen an unseren Freiheiten und den wirtschaftlichen Möglichkeiten, die uns dieses Verfahren verschaffen würde, sollte man es durchaus in Erwägung ziehen.

Cremlingen.online: Was konkret hat sich denn seit dem Beginn des Frackings verändert?

Prof. Dr. Stalmann: In den Anfangszeiten wurden gerne Negativbeispiele herausgestellt, dort hat man im Zweifelsfalle lieber zu viel als zu wenig Chemikalien verwendet und dadurch leichte oder mittlere Beben ausgelöst. Inzwischen haben sich die Verfahren so weit fortentwickelt, dass oben kaum noch Auswirkungen spürbar sind. Man hat auch die Zusammensetzung der Chemikalien verändert, so dass diese nicht mehr so aggressiv wirken wie in den Anfangsjahren. Natürlich ist immer noch eine gewisses Restrisiko da, aber die Gefahr bleibender Schäden ist kalkulierbar geworden.

Cremlingen.online: Würde das unser Gasproblem lösen?

Prof. Dr. Stalmann: Nein, aber es würde zumindest kurzfristig eine Linderung herbeiführen bis wir in der Lage sind, Flüssiggas aus Übersee zu beschaffen.
Strategisch gesehen ist es aber immer auch wichtig, sowohl den Aspekt der alternativen Beschaffung als auch den Aspekt der Einsparung im Blick zu behalten. Da sehe ich das größte Potential bei privaten Heizungen und in Bereichen der Industrie: Auf elektrische Wärmepumpen bzw. Elektrowärme auszuweichen, wo es möglich ist.

Cremlingen.online: Ist Flüssiggas weltweit verfügbar oder können wir es nur aus den USA beziehen?

Prof. Dr. Stalmann: Es gibt zum Beispiel auch die Möglichkeit, es aus Algerien zu beziehen, wenn auch momentan nur in geringen Mengen. Als weiterer Lieferant käme z.B. Australien in Frage, wobei zu bedenken wäre, dass von dort aus vor allem der asiatische Markt bedient wird und es zu Konflikten kommen kann, wenn wir die dortigen Energieströme in zu hohem Maße umlenken würden.

Cremlingen.online: Dann hätten wir das nächste Problem?

Prof. Dr. Stalmann: Ja, es wird einen Verteilungskonflikt geben, das sollte man auch ganz klar sagen. Gewinnen wird der, der mehr Geld in die Hand nehmen kann und wird; einkommensärmere Länder werden Schwierigkeiten bekommen.

Cremlingen.online: Wie lange brauchen wir noch Gas aus Russland?

Prof. Dr. Stalmann: Ich glaube, dass es nicht unter einem Zeitraum von zwei Jahren möglich sein wird, sich vollständig von russischen Gaslieferungen unabhängig zu machen. Aber wenn man das mit scharfen Einsparquoten und sparsamer Haushaltsführung verknüpft, dann könnte das vielleicht auch binnen Jahresfrist gelingen.