Wie lange noch finanzieren wir mit unserer Energieabhängigkeit von Russland den Krieg gegen die Ukraine?

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Schwarze Fotografie

Weddel 08.04.22

Cremlingen.online: Herr Professor Stalmann, auf dem CDU-Kreisparteitag vor knapp zwei Wochen sprach Frank Oesterhelweg von der gigantischen Summe von 300 Millionen Euro, die Deutschland täglich für Energiekosten an Russland überweist, das Manager-Magazin schreibt von täglichen 660 Millionen Euro aus europäischen Töpfen und bezieht sich dabei nur auf den Gaspreis, der ja seit Ende März in die Höhe geschnellt ist. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes verzeichneten wir 2021 einen Importzuwachs von 49,5% aus Russland, wobei Erdgas und Erdöl mit 59% aller Einfuhren den Großteil ausmachen. Ohne jetzt mit Zahlen jonglieren zu wollen: Indirekt finanziert Deutschland Putins Krieg. Was können wir kurzfristig dagegen tun?

Prof. Dr. Stalmann: Wir sprechen jetzt von Energie und meinen Erdgas, Erdöl und Kohle. Ich denke, es besteht weitgehend politischer Konsens, uns von russischen Lieferungen so schnell wie möglich unabhängig zu machen. Bei den beiden letztgenannten Energiearten können wir den Bezug aus Russland sofort einstellen, die kann man sehr schnell auf dem Weltmarkt woanders einkaufen. Mit Erdgas ist das nicht so einfach. Wir haben uns ja bis zum Ausbruch des Krieges gegen Flüssig-Gasimporte aus den USA entschieden, was sich im Nachhinein als Fehler erwiesen hat.

Cremlingen.online: Wären bei einem Bruch der Verträge nicht hohe Vertragsstrafen fällig, die vielleicht ähnlich hoch sind wie der Preis für die Lieferungen?

Prof. Dr. Stalmann: Es handelt sich um privatwirtschaftliche Verträge, zu deren Aufkündigung politische Entscheidungen getroffen werden müssen. Aber der kriegerische Überfall auf ein anderes Land ist auch ein Vertragsbruch, nämlich ein völkerrechtlicher, da wird die Politik sicher entscheiden, was schwerer wiegt.

Cremlingen.online: Nochmals zum Erdgas. Wie schnell und womit können wir es ersetzen?

Prof. Dr. Stalmann: Industriezweige wie z.B. die Keramik- Glas- und Ziegel- sowie die Zementindustrie sind auf Gas angewiesen und können nicht von heute auf morgen auf andere Energieträger umgestellt werden.

Nun haben 2019 unsere sechs Kernkraftwerke 71 TWh (Terawattstunden) produziert, ich berufe mich dabei nicht auf die Zahlen von 2020, weil da die drei inzwischen abgeschalteten Reaktoren bereits schrittweise heruntergefahren wurden. Wenn man nun beispielsweise diese 3 abgeschalteten AKWs wieder in Betrieb nehmen und die 3 bestehenden weiterlaufen lassen würde, könnten die für 50 TWh grünen Wasserstoff produzieren, die sich problemlos in unser vorhandenes Erdgasnetz einspeisen ließen. Das würde 4,5 Mio. Tonnen Erdgas ersetzen, was etwa 10% der russischen Erdgas-Lieferungen entsprechen würde – und das CO-frei. Die CO-Einsparung beliefe sich auf 13,5 Mio. Tonnen, das wäre die fünffache Menge, die ein Tempolimit von 130 km/h bringen würde.

Cremlingen.online: Wäre dies von heute auf morgen möglich, also quasi über Nacht?

Prof. Dr. Stalmann: Nein, um ein AKW wieder in Betrieb nehmen zu können, benötigt man für die Versorgung mit neuen Brennstäben eine Vorlaufzeit zwischen zwölf bis fünfzehn Monaten. In der Zeit kann man aber die Elektrolyse-Anlagen bauen, die vereinfacht gesagt unter Einsatz von Strom Wasser in seine Bestandteile zerlegten, wobei die elektrische in chemische Energie umgewandelt und im Wasserstoff gespeichert wird.

Cremlingen.online: Nun plant Umweltschutzminister Habeck von den Grünen ganz andere Sofortmassnahmen und fordert den schnellen Ausbau erneuerbarer Energien…

Prof. Dr. Stalmann: Wir haben uns im Arbeitskreis Energie des CDU-Kreisverbandes Wolfenbüttel sehr ausführlich mit dieser Thematik beschäftigt. Nehmen wir die Windkraft: Natürlich ist der Ausbau zu begrüßen, aber man darf sich da nichts vormachen. Mit den sich bereits im Einsatz befindlichen 5MW-Windkraftanlagen mit einer Höhe von 230 bis 250 Metern und einem Rotordurchmesser von etwa 150 Metern dürfte die Machbarkeitsgrenze an Land erreicht sein, insbesondere was den Transport betrifft. Nun will die Bundesregierung 2% der Landfläche für Windkraft nutzen, das würde theoretisch Platz für 48.000 Anlagen schaffen. Die Theorie ist aber nie hundertprozentig umsetzbar. Hinzu kommt die begrenzte Akzeptanz der Windkraft in der Bevölkerung. Mehr als 36-38.000 Anlagen erscheinen politisch kaum durchsetzbar. Das würde eine maximale Kapazität von etwa 180 GW mit einer Energie von 380 TWh entsprechen, also gerade einmal 17% der für eine CO-Neutralität in Deutschland benötigten Strommenge. Außerdem haben wir darauf hingewiesen, dass die Trassen zum Energietransport erst noch gebaut und die Speichermedien für diese Energiemengen erst noch geschaffen werden müssen. Dies wird nicht nur Jahre, sondern wahrscheinlich Jahrzehnte dauern.

Das Telefoninterview mit dem Leiter des Arbeitskreises Energie führte Hans Witzkewitz.