Witz-Licht 10

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Unter Geduld versteht man das ruhige und beherrschte Ertragen von etwas Unangenehmen, das sehr lange dauert. Oft wird sie als Tugend bezeichnet und früher nannte man die Geduld auch Langmut. Sie ist eng verbunden mit der Fähigkeit zur Hoffnung. Soweit Wikipedia.

Aber wie kann man Geduld erlernen? Seit letztem Dienstag kenne ich eine Lehrmeisterin, die den meisten von uns bekannt sein dürfte, vielleicht nicht unbedingt in diesem Zusammenhang.

Kurz nach 20 Uhr saß ich im Biergarten meines Lieblingsrestaurants und wartete auf mein Essen. Durch das weit geöffnete Fenster hörte ich, wie der Geschäftsführer seinem Kellner erklärte, dass er soeben zum zweiten Mal aus der Leitung geflogen sei. Nach und nach bekam ich mit, dass vorige Woche der Festnetzapparat kaputtgegangen war und deshalb eine Rufumleitung auf ein Privathandy eingerichtet werden musste, damit Essensbestellungen außer Haus und Tischreservierungen nicht ins Leere gingen. Das Einrichten dieser Rufumleitung geht bei der Telekom prompt und sehr schnell, ist ja eigentlich nicht mehr als ein Link, der mit wenigen Klicks am Rechner erledigt wird. Dann wird Geld verdient, jede Umleitung eines Anrufs schlägt mit etwas mehr als einem halben Euro zu Buche und bei einem gut frequentierten Restaurant, bei dem das Telefon beinahe ständig klingelt, kann über mehrere Tage ein stattlicher Betrag zusammenkommen, der schnell über die Anschaffungskosten eines neuen Telefons hinausgeht. Selbstverständlich war das neue Gerät schon angeschlossen, also musste „nur noch“ die Rufumleitung raus.

„Ja doch“, hörte ich den Geschäftsführer sagen, sofort 17 Uhr habe er angerufen und war umgehend in der Warteschleife gelandet, 22 Minuten sollte die voraussichtliche Wartezeit betragen, nach 1 Stunde und 35 Minuten sei er das erste Mal raus geflogen, habe sofort per Wahlwiederholung erneut die Servicenummer gewählt und diesmal habe es bis zum erneuten Rauswurf über 2 Stunden gedauert.

Das Problem bestand darin, dass der Anruf mit dem Telefon erfolgen musste, zu dem hin die Rufumleitung führte, die Nummer tauchte natürlich auf der anderen Seite des Anrufs im Display auf und der diensthabende Mitarbeiter konnte sich zusammenreimen, dass die Gelddruckmaschine ausgeschaltet werden sollte, was nicht im Sinne seiner Firma sein konnte.

Nun also der 3. Versuch, das Handy lag wieder auf dem Tisch und die Warteschleifenmusik drang über den eingeschalteten Lautsprecher bis zu mir. Für die Kunden-Weichspülmusik in Supermärkten gab es einen Fachbegriff, gibt es den auch für besonders nervige Melodien, mit denen man lästige Kunden abzuwimmeln versucht? Keine Ahnung.

Ich hatte inzwischen gegessen, aber meine Neugier zwang mich zu bleiben. Also orderte ich ein weiteres Bier und schloss mit dem Geschäftsführer eine Wette ab, in der ich behauptete, dass er pünktlich 22 Uhr endgültig aus der Leitung fliegen würde (solange war die Servicenummer geschaltet) ohne sein Anliegen vortragen zu können.

Inzwischen war mir auch schon ein Text zur sich ständig wiederholenden Melodie eingefallen, der aus einer einzigen Zeile bestand und mit „…ist doof!“ endete, den ich leise vor mich hin brummelte.

21.37 Uhr hatte ich meine Wette verloren. Eine schwache, zittrige Männerstimme erkundigte sich ängstlich nach dem Anliegen. Dieser Mensch musste die letzten Stunden pausenlos verbale Prügel bezogen haben und rechnete wohl mit nichts anderem mehr.

Zu meinem absoluten Erstaunen bat der Geschäftsführer freundlich und ruhig um Aufhebung der Rufumleitung, so, als wäre er beim ersten Anruf sofort durchgekommen. Das nenne ich Geduld, viereinhalb Stunden hatte er darauf gewartet, so sieht wahre Langmut aus!

Nun endlich war die Angelegenheit im Handumdrehen erledigt, das war beinahe enttäuschend. Wir waren nur noch zu dritt, gleich musste das Restaurant schließen, aber fast gleichzeitig zückten wir unsere Handys und nacheinander riefen wir an und starrten wie kleine Kinder auf das klingelnde Festnetztelefon.

Bis neulich, Witz Witzkewitz