Witz-Licht 19

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„Helga, hast Du nicht in einer Stunde Deinen Behördentermin?“
„Aber ja Schatz, wieso fragst Du?“
„Ich frage, weil der Bus in die Kreisstadt vor einer Viertelstunde gefahren ist und der nächste erst in zwei Stunden…“
„Ach Hubert, in welcher Zeit lebst Du eigentlich?“

Die Antwort auf diese Frage lasse ich einfach mal offen, weil ich keine Prognose darüber abgeben möchte, wann in der Zukunft dieser Dialog spielen könnte. Nächstes oder übernächstes Jahr wahrscheinlich noch nicht, aber sehr lange wird es nicht mehr dauern. Jedenfalls wird Helga (geschminkt, aber noch in Schlafanzughose) pünktlich ihren Termin wahrnehmen und sich am Rechner sichtbar machen, damit ihr Gegenüber, der Beamte Herr Müller (gut, ich hätte mir auch einen anderen Namen ausdenken können, jetzt heißt er halt Müller, hat aber keine Mühle) auf seinem Monitor im Büro die Frau sehen kann. Helga wiederum holt sich Herrn Müller per Kamera ins Wohnzimmer auf ihren Monitor, weil die meisten Behördentermine nur noch online stattfinden.

Herr Müller kann nun feststellen, dass die Helga wirklich so aussieht wie auf dem Passbild. Ob er das denn auch darf, ist eine andere Sache, darauf komme ich gleich noch zurück. Jedenfalls ist es kein Problem, das bereits im Vorwege ausgefüllte und abgeschickte Formular gemeinsam durchzusprechen, eventuelle Fehler auszubessern und Unklarheiten zu beseitigen.

Hubert wird sich außerhalb des Kamerabildes aufhalten und knurrend feststellen, dass so was zu „seiner“ Zeit nicht möglich gewesen wäre.

Ein anderes Beispiel: Schäfer junior (nein, dieser Name ist jetzt nicht erfunden, die Episode verdanke ich unserem stellvertretenden Landrat, der im biblischen Sinn eine Herde hat) möchte sich zur Führerscheinprüfung anmelden und bittet seinen Vater, ihn zum Straßenverkehrsamt zu fahren. Gar nicht so einfach, im prall gefüllten Terminkalender vom Senior noch etwas zwischen zu schieben, aber es gelingt.

Vater und Sohn setzen sich ins Auto und fahren in die Kreisstadt. Der Junior soll das Prozedere kennen lernen und darf die Nummer ziehen. Beide stellen fest, dass noch fünf Personen vor ihnen dran sind (das vermute ich jetzt einfach mal, darüber haben wir nicht gesprochen, aber aus eigenen Erfahrungen weiß ich, dass mindestens fünf Personen schneller waren als man selbst und wenn es weniger als drei sind, dann wartet man leider vor dem falschen Zimmer und darf sich dann dort nochmals anstellen, wo man der elfte, zwölfte oder dreizehnte ist…)

Endlich werden sie aufgerufen. Eine junge Dame erwartet sie in ihrem Amtszimmer, tippt wieselflink die nötigen Angaben in ihren Rechner und wendet sich dann freundlich lächelnd an ihre Besucher: „Bitte zahlen Sie den fälligen Betrag an der Kasse und bringen Sie mir danach den Beleg, erst dann kann ich das Formular an den TÜV weiterleiten.”

An der Kasse gibt es zum Glück keine Schlange, stolz wird die Einzahlungsquittung übergeben und nun gehen die Dinge ihren behördlich geregelten Gang. Schäfer senior ist zufrieden, auch weil alles schneller ging als vermutet und er seinen nächsten Termin pünktlich wahrnehmen kann. Schäfer junior aber kann es nicht fassen: „Papa, warum mussten wir dafür hierher kommen? Wäre es nicht viel einfacher gewesen, ich könnte dieses Formular in der Fahrschule ausfüllen, der Fahrlehrer hilft mir dabei, ich bezahle per Handy und dann landet das Formular mit einem Mausklick direkt beim TÜV?“

Auch das ist Zukunftsmusik, noch dürfen Fahrschulen sich nicht direkt an den TÜV wenden und das Straßenverkehrsamt in „cc“ nehmen. Womit wir beim Dürfen sind. Mitunter bedarf nämlich die Digitalisierung von Verwaltungsabläufen einer Gesetzesänderung und damit ist der Gesetzgeber gefordert (irreführender Begriff, so als ob nach Feierabend jemand in die Stammkneipe käme und fragen würde, ob er sich mit an den Tisch setzen dürfe, er sei übrigens der Gesetzgeber… Nö, setz Dich doch lieber an den Nebentisch zum Steuerzahler, der ist jeden Abend hier und sehr, sehr einsam…).

Fassen wir zusammen: Die Digitalisierung wird auch vor den Behörden nicht haltmachen, aber es kann dauern (das sind wir von Behörden ja gewohnt). Die sogar Humor haben können, warum sonst ist die Steuersoftware nach der diebischen Elster benannt?

Glasfaser ist eigentlich kein Thema, kompatible Software ist jetzt schon ein Problem, denn noch kauft jeder Kämmerer das, was er für richtig hält, die Software zwischen Bund und Ländern ist in diversen Bereichen nicht kompatibel, zwischen den Gebietskörperschaften ebenfalls nicht. Föderalismus ist ja eine feine Sache, oftmals. Manchmal aber auch nur das Fremdwort für nervige Kleinstaaterei, so wie wir das aktuell bei den Corona-Beschränkungen sehen.

Wären da noch die nötigen Gesetzesänderungen, die bekanntermaßen auch sehr schnell gehen können. Aber deren Umsetzung… kann dauern.

Bleibt noch eine (sehr wichtige) Frage offen: Was wird mit der jungen Beamtin vom Straßenverkehrsamt, die dann ja „nicht mehr gebraucht“ wird? Sie wird dringender gebraucht als vorher, sie bietet nämlich Bürgersprechstunden an. Online.

In diesem Sinne: Bis neulich,

Witz Witzkewitz.