Witz-Licht 21

0
707

Cremlingen 03.11.2020

Er steht im Tor, im Tor, im Tor… Ich stehe nicht dahinter, das ist schon mal Fakt.

Aber was steckt dahinter und wer kommt auf die Idee, ein „Cremlinger Tor“ auszurufen? Lange schaue ich auf das Foto, auf dem der Cremlinger Bürgermeister freudestrahlend das von ihm so benannte Bauvorhaben präsentiert.

Cremlinger Tor? Klingt nach Weltstadt. Ich kenne Hamburg dank des Hafens als Tor zur Welt, kann ich akzeptieren, selbst der Begriff Weltstadt ist angemessen. Neulich, bei der eher sang- und klanglosen Eröffnung des Berliner Flughafens BER wurde ebenfalls von einem Tor zur Welt gesprochen, ist ja dann eher eine Himmelspforte, totzdem kann ich es nachvollziehen.

Aber Cremlinger Tor? Muss mir diesen Ausdruck mehrmals auf der Zunge zergehen lassen. Wohin führt dieses Tor? Nach Cremlingen, schon klar, sagt ja bereits der Name. Und die andere Richtung führt in die große, weite Welt? Also liebe Abbenröder, tut mir ja leid, ihr habt ein schönes Dörfle, aber trotz Mühlencafé, griechischem Restaurant und Peter-Paul-Kirche ist Euer Flecken nun nicht gerade die Welt.

Ich muss mir dieses Tor mal vor Ort ansehen. Es wird gebaut, beinahe überall. Also im Moment möchte ich hier nicht wohnen, aber gut, irgendwann ist alles fertig, dann sind Baulärm, Baufahrzeuge und Bauschmutz verschwunden. Was dann zurückbleibt, ist aber alles andere als eine Idylle. Wohnen in den Einfamilienhäusern dann die gläsernen Bürger, die sich von den gegenüberliegenden Wohnblocks direkt in Haus und Garten blicken lassen? So hoch kann man den Sichtschutz ja gar nicht bauen. Bäume anpflanzen? Geht immer, aber bis die mal Schatten spenden, vergehen ja auch vierzehn Tage, wenn nicht sogar mehr…  Und auf der anderen Seite hat wahrscheinlich mal wieder keiner die Absicht gehabt, eine Mauer zu errichten und schwupp – war sie da. Muss wohl so sein aus Gründen des Lärmschutzes, denn wenn man Gewerbe- und Wohngebiet mischt, dann ist dies wohl Vorschrift. Auch wenn man das Ding grün anstreicht, einladend wirkt es nicht und Graffitis können schön sein, müssen es aber nicht.

Cremlinger Tor. Es will mir nicht in den Sinn, ich mache mich auf den Heimweg und plötzlich fällt es mir wie Schuppen aus den Haaren oder von den Augen oder woher und wohin diese Schuppen auch immer fallen mögen: Plötzlich weiß ich es. Hier hatte jemand eine Vision! Wenn sämtliches Eis an den Polen geschmolzen ist und der Meeresspiegel meterweit angestiegen ist, dann wird Cremlingen Hafenstadt und hat dann bereits ein Tor zur Welt. Endlich mal eine weitsichtige Zukunftsperspektive!
Nichts wie her mit dem Klimawandel, nach der letzten Eiszeit steuern wir ja auf eine Wärmeperiode zu, das soll ja angeblich immer abwechselnd sein, so jedenfalls habe ich es in der Schule gelernt. Ohne Frage beschleunigen wir diesen Prozess, aber jetzt kann es mir gar nicht schnell genug gehen! Ich kann es kaum erwarten, vor meinem inneren Auge sehe ich schon die Container-Terminals, die ein- und auslaufenden Ozeanriesen, die Landungsbrücken, die Boote der Hafenrundfahrt und und und. Nicht zuletzt werden die Grundstückspreise hier in der zukünftigen Hafenstraße in die Höhe schießen, vor allem dort, wo man einen direkten Blick auf die wunderschöne Sandbach-Philharmonie hat, die sich trotz dreifacher Bauzeit und zehnfacher Kosten zum neuen Wahrzeichen Cremlingens entwickeln wird.

Schade, dass ich das alles nicht mehr erleben werde.

Traurig blicke ich nochmals auf das Foto. Steht da vielleicht der Cremlinger Tor im Cremlinger Tor? Herr Bürgermeister, Sie sind auf dem Holzweg, das ist die Wahrheit, der heißt so!

Bis neulich, Witz Witzkewitz.

Optische Aufwertung des „Cremlinger Tors“

 

Oops...
Slider with alias admin service 11 not found.