Witz-Licht 24 -Die Gemeinderatssitzung-

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Eine Kolumne von Hans Witzkewitz

Gemeinderatssitzung als Präsenzveranstaltung? Ist ja wohl angesichts der momentanen Corona-Zahlen eine Ente, bestimmt wird diese Veranstaltung stattfinden, aber doch wohl als Videokonferenz! Sicherheitshalber rufe ich den Gemeindebürgermeister an und erfahre, dass diese Sitzung wie geplant am 15.12. in der Hordorfer Turnhalle durchgeführt werden wird und will sofort wissen, ob man denn nicht mit gutem Beispiel vorangehen und diese Sitzung virtuell machen könne?

„Das hat die Politik nicht geschafft.“ Erfahre ich, und meine einen Unterton von trauriger Resignation herauszuhören. Normalerweise frage ich in so einem Fall nach, warum die Politik dies denn nicht geschafft habe, erkundige mich nach Einzelheiten und versuche, den Dingen auf den Grund zu gehen. Der nächste Satz aber hat mich all das vergessen lassen: „Es gibt Dinge auf dieser Welt, die sind einfach nicht möglich.“

Plötzlich taten sich vor meinem inneren Auge Abgründe auf und ich begriff auf einen Schlag, warum Lockdown light schiefgehen musste. Es hatte nicht nur mit der alten Weisheit zu tun, dass „ein bisschen schwanger“ unmöglich ist, es musste etwas zutiefst Menschliches sein, was in uns steckt und uns daran hindert „vernünftig“ zu handeln.

Dass selbstverständlich am Dienstag die Abstandsregeln und sämtliche Hygienekonzepte eingehalten werden, nahm ich als gegeben hin, bedankte mich für die Auskunft und beendete das Telefonat.

Meine Gedanken eilten zurück in den März diesen Jahres. Der erste Lockdown kam so schnell und konsequent und war gleichzeitig so überraschend und neuartig, dass wir einfach alle mitmachen mussten. Weniger aus Abenteuerlust, mehr aus ängstlicher Hilflosigkeit, ein Zustand, der mehr als nur unangenehm war und gegen den unbedingt etwas unternommen werden musste. Also eilten wir von einer der noch verbliebenen Einkaufsmöglichkeiten zur nächsten und horteten Nudeln und Klopapier.

Das Virus schien beeindruckt und flog in die Sommerferien. Wir nicht, wir blieben lieber zuhause, entrümpelten die Wohnung und führten kleine Rechtsstreitigkeiten mit Reiseveranstaltern, weil wir unsere Anzahlungen zurück haben wollten.

Nun aber sind die kleinen Viren erholt zurück und schlagen erneut zu. Während vor einem Jahr Virologe ein noch mehr oder weniger exotischer Beruf war, gibt es mittlerweile zahlreiche Hobby-Virologen, die sich vor allem durch zwei Eigenschaften auszeichnen: Sie wissen nichts richtig, aber alles besser. Wahrscheinlich haben sie auch alle ein Labor im Hobbyraum und arbeiten fieberhaft an der Entwicklung des eigenen Impfstoffs für eine Schluckimpfung.

Und jeder von uns versucht, ein ganz kleines Stückchen Normalität in den nächsten Lockdown hinein zu retten und irgendetwas zu umgehen, wird schon klappen, wird schon so schlimm nicht werden, solange die täglichen Toten nicht neben einem auf der Straße liegen, sondern nur weit weg von uns in einer Statistik auftauchen.

Hinzu kommen teilweise nicht nachvollziehbare behördliche Anordnungen, die weniger Ausdruck von Krisenmanagement sind, sondern eher eine institutionelle Hilflosigkeit zeigen, gerade deshalb, weil sie im Grunde genommen gut gemeint sind. Und gut gemeint ist ja bekanntlich das Gegenteil von gut.

Bei der Politik kommen dann noch die zwischenparteilichen Querelen hinzu, die schon in Nicht-Krisenzeiten nur schwer zu ertragen sind. Wenn mal wieder offensichtlich vernünftige Entscheidungen mit fadenscheinigen Argumenten abgelehnt werden „müssen“, nur weil sie nicht von der eigenen, sondern von einer anderen Partei vorgeschlagen wurden.

Dann wundert mich auch nicht, dass ein eigentlich unkomplizierter technischer Vorgang, nämlich die Umwandlung einer Präsenzveranstaltung in eine Videokonferenz, plötzlich zu einer Angelegenheit wird, die auf dieser Welt nicht möglich ist.

War da nicht noch etwas? Mussten nicht nach der letzten Gemeinderatssitzung alle wegen eines Infektionsfalles in Quarantäne gehen? Oder sehnen sich gar alle Gemeinderatsmitglieder danach, dass es diesmal wieder genauso wird, damit alle über die Feiertage in Quarantäne bleiben dürfen? Bleiben uns dieses Jahr die Weihnachtsansprachen der Lokalpolitiker erspart?

Nein, tun sie nicht. Gerade erfahre ich, dass der Bürgermeister von Sickte (Marco Kelb) die Sitzung abgesagt hat, wegen der Ansteckungsgefahr. Nun würden mich ja doch die genauen Gründe interessieren, warum die Veranstaltung nicht von vornherein virtuell geplant war. Zu spät.

Beim nächsten Mal frage ich sofort nach, ein lernbereiter Witz Witzkewitz.