Witz-Licht 27 Fallstudie

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Irgendwann hatte der Chef beiläufig erwähnt, er habe so den Verdacht, dass nach der Krise die Firma wohl schrumpfen müsse. Nein, noch sei nichts offiziell, aber er mache sich so seine Gedanken. Die machte sich nach dieser Ansage im März 2020 auch Felix (Name geändert), der schon lange mit der Idee liebäugelte, als selbständiger Subunternehmer für die Firma zu arbeiten, selbst sein Chef hatte sich zu dieser Idee wohlwollend geäußert. Oft hatte Felix die Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen, aber eher aus Bequemlichkeit lieber das Angestelltenverhältnis vorgezogen. Nun aber läuteten die Alarmglocken und Felix beschloss, parallel zum Arbeitsverhältnis seine Selbständigkeit vorzubereiten, nachdem er dafür das okay vom Chef bekommen hatte.

Die Gewerbeanmeldung war trotz Lockdown kein Problem, obwohl er diese bei seinem Hauptwohnsitz in einem anderen Bundesland machen musste. Klar könne er sein Gewerbe am Nebenwohnsitz betreiben, er müsse lediglich das Finanzamt informieren und ordnungsgemäß alle erforderlichen Angaben machen. Was also für die Behörden überhaupt kein Problem darstellte, sollte sich aber in der freien Wirtschaft als beinahe unüberwindlicher Stolperstein herausstellen.

Bei seinem nächsten Einkauf im Großhandel nahm Felix den Sachbearbeiter beiseite und berichtete von seinem Vorhaben. Erfuhr, dass er auf jeden Fall hier Kunde werden könne, er solle sich am besten im Internet anmelden, das gehe am schnellsten. Ach ja, wegen der Konditionen müsse er sich keine Gedanken machen, das ließe sich unkompliziert auf dem kleinen Dienstweg regeln und wahrscheinlich bekomme er sogar die gleichen wie in der alten Firma.

Die Internetanmeldung dauerte keine halbe Stunde, danach aber geriet die ganze Angelegenheit etwas in Vergessenheit, auch weil Felix in seiner Noch-Firma reichlich zu tun hatte und ein Überstundenkonto besaß, das schon am Rande der Legalität lag.

Es ging auf den Sommer zu und irgendwann musste er an einem Freitag zum Großhandel. Obwohl dort schon die Wochenendvorbereitungen liefen, war außer seinem Sachbearbeiter auch noch der Juniorchef anwesend, der sich schwach an die Anmeldung erinnern konnte, jetzt aber nicht genau wisse, was da schiefgelaufen war, sei ja mittlerweile ein Vierteljahr her. Komisch, dass keiner sich bei Felix gemeldet habe. Jetzt aber mache er das zur Chefsache, nahm die Kopien der Gewerbeanmeldung entgegen und versprach, spätestens Mitte der darauffolgenden Woche zurückzurufen und fügte hinzu, dass man auf jeden Fall auch an Kunden interessiert sei, deren Umsatz anfangs eher überschaubar sei, so etwas könne sich ja ganz schnell ändern.

Eine Woche verging, die zweite Woche verging und in Woche drei klemmt Felix sich ans Telefon. Von einer freundlichen Mitarbeiterin erfuhr er, dass der Junior gleich einen Tag später in den Urlaub gefahren war. Sie entschuldigte sich für ihren Chef und versprach, die Unterlagen herauszusuchen und am besten direkt an die Firmenzentrale in die Landeshauptstadt zu schicken, er möge sich doch bitte noch zwei, drei Wochen gedulden, dann würde sie ihn zurückrufen.

Nach vier Wochen war es wieder Felix, der anrief. Diesmal entschuldigte sich die Mitarbeiterin für ihr Versäumnis und leider sei einzig und allein die Filiale an seinem Hauptwohnsitz für die Vergabe einer Kundennummer zuständig und eigentlich hätte zumindest der Chef das wissen müssen und es sei ihr unbegreiflich, wieso dies nicht schon vor einem halben Jahr kommuniziert worden sei.

Wahrscheinlich wäre es für Felix einfacher gewesen zur Konkurrenz zu wechseln, jetzt aber war sein Ehrgeiz geweckt. Erst rief er in der zuständigen Filiale und dann den Sachbearbeiter im Homeoffice an, mailte die nötigen Unterlagen, bekam am nächsten Tag eine Bestätigungsmail, aber immer noch keine Kundennummer, dafür aber die Handynummer seines zuständigen Außendienstmitarbeiters. Dem schilderte er den kompletten Sachverhalt und teilte außerdem mit, dass es keinen Sinn machen werde, ihn am Hauptwohnsitz zu besuchen, weil er dort lediglich wohne. Geduldig hörte er sich eine einsetzende Klagelitanei über die guten, alten Zeiten an, in denen die Menschen noch miteinander gesprochen hätten und deshalb alles viel einfacher gewesen wäre, jetzt gehe ja alles nur noch über den Computer und ja, er werde die Kundennummer beantragen.

Zwei Wochen später fragte ihn seine Frau am Telefon, ob sie die Werbung von so einem Großhandel wegwerfen könne, der ihn zum Kunden haben wolle, aber verlangte, dass die Sachen persönlich in der Filiale am Hauptwohnsitz abgeholt und bar bezahlt werden müssten, was ihm ja gar nichts nütze.

NICHT WEGWERFEN! Felix notierte die Kundennummer mit beinahe heiliger Inbrunst und fuhr einen Tag später zu seiner Großhandelsfiliale. Am breiten Lächeln seines Sachbearbeiters erkannte er, dass Kollege Computer ihn endlich als Kunden akzeptierte. Die Konditionen und die Lieferanschrift waren schnell geändert, leider aber ließ sich die Rechnungsadresse nicht ändern und es war auch nicht möglich, die Rechnung per eMail zu erhalten. Deshalb bekam auch die Post ein Stück vom Kuchen ab, wenn auch nur ein ganz kleines: Seine Frau musste ihm alle Rechnungen vom Haupt- zum Nebenwohnsitz schicken. So hat diese Geschichte fast ein Dreivierteljahr gedauert und nun doch noch ein glückliches Ende gefunden,

bis neulich, Witz Witzkewitz.