Witz-Licht 35 “Bloss weil Du nicht paranoid bist, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht hinter Dir her sind!” (Populärer Spruch aus den 90ern)

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Zehn Prozent aller Amerikaner glauben, dass Elvis Presley noch am Leben ist. Von Rabattangeboten weiß ich, dass zehn Prozent nicht gerade viel sind, aber wenn 74 % aller Amerikaner glauben, die US-Regierung sei ständig in geheime Aktionen und/oder Verschwörungen verwickelt, dann sind das drei von vier erwachsenen Amerikanern!

Das war jedenfalls das Ergebnis einer Telefonumfrage vom September 1996, die Zahlen entnahm ich der Einleitung von R.A. Wilsons „Lexikon der Verschwörungstheorien“, erschienen 1998. Alles gnadenlos veraltet, das Lexikon ist nicht „corona-aktuell“ und wahrscheinlich würde eine aktuelle Umfrage ganz andere Werte bringen. Vermutlich wären es inzwischen 95%, die ihrer Regierung unterstellen, in Verschwörungen verstrickt zu sein, nicht mehr nur in Amerika.

Das Wort „Verschwörungstheorien“ allerdings möchte ich durch Verschwörungsideologien oder -mythen ersetzen, weil eine Theorie entfernt an Wissenschaft erinnern könnte, was ich unbedingt vermeiden möchte.

Solche Verschwörungsmythen, egal, wie absurd oder hirnverbrannt sie auch sein mögen, werden sich ewig halten, weil sie nicht zu widerlegen sind. Jeder Beweis gegen sie wird nämlich automatisch zum Beweis für sie: Sobald man an sie glaubt.

Dieses Phänomen kennen wir von der Theologie: Ich muss einfach nur an Gott glauben und schwupp – schon ist er da. In allen Dingen oder wo immer ich ihn zu finden wünsche. Der Philosoph Hegel hatte einen hoffentlich geruchsneutralen Wunsch: „Gott ist gleichsam die Gosse, in der alle Widersprüche zusammenlaufen.“

Unbedingt gehört zu einem solch starken Protagonisten ein möglichst gleich starker Gegenspieler, den hat Gott im „garantiert ewig heiligen Mann“ (Textzeile der britischen Pop-Band Genesis), den wir landläufig als Teufel bezeichnen.

Wen man für den Guten und wen für den Bösen hält, muss jeder für sich selbst ausmachen: „So you think you can tell heaven from hell, blue sky from the pain…“ (Textzeilen der britischen Pop-Band Pink Floyd).

Auf den ersten Blick scheint alles klar zu sein, aber bei genauerem Hinsehen ist es nicht so einfach, den beiden eine eindeutige Positionierung zuzuweisen, der Gott des Alten Testaments ist alles andere als ein „lieber Gott“ und wenn Luzifer der Lichtbringer ist, dann kann er doch so schlecht nicht sein? Mir fällt jetzt auf die Schnelle auch nicht ein, wer im letzten Freundschaftsspiel zwischen Gut und Böse gewonnen hat oder ob die Partie unentschieden ausgegangen ist (sehr gute Fortsetzung für eine Serie: Die Entscheidungsschlacht wird in die nächste Staffel vertagt und vielschichtige Akteure mit sich widersprechenden Charaktereigenschaften sind gut für die Dramatiki).

Oder wird da heimlich im Untergrund immer noch gespielt, eine verschworene Gemeinschaft von Erzfeinden? Immer wenn ich mit dem Rad von Weddel nach Braunschweig fahre, überquere ich eine auf den Asphalt gesprühte Botschaft: JESUS LEBT.

Das hoffe ich doch, ich kenne ihn nämlich, er ist etwas älter als ich und lebt in der Eifel, ein sehr guter Musiker. Wahrscheinlich hatten seine Eltern bei der Namensgebung eine ähnliche Hoffnung wie die Mutter von Cosma Shiva Hagen: Wird schon was bewirken.

Also immer dann, wenn ich über die Nachricht fahre, bekomme ich ein schlechtes Gewissen, weil ich den Kontakt habe abbrechen lassen und nicht weiß, ob Jesus inzwischen in Köln lebt (wollte er immer, aber seine Frau nicht).

Sozusagen bin ich einer der wenigen Menschen, die Jesus mit Nachnamen kennen. Habe sogar Fotos von ihm, die ich aber hier nicht veröffentlichen darf, weil er ja damit einverstanden sein muss, aber leider: Kontakt abgebrochen.

Jesus, bitte melde Dich.

Falls da ein anderer Jesus gemeint ist als der, den ich kenne: Arme Sau, aber warum sollte es ihm besser gehen als Elvis? Wieviel Prozent der Bevölkerung glaubt daran, dass Jesus lebt?

Eigentlich wollte ich was ganz anderes schreiben, aber diese Kolumne hat ein erstaunliches Eigenleben entwickelt und mich mitgerissen. Egal: Beim nächsten Mal geht es um eine Verschwörung in Hemkenrode (bisher ohne weltweite Auswirkungen, aber in zwei Wochen kann ja sehr viel passieren), dann geht es weiter mit weltweiten, ach was, mit universalen Verschwörungsideologien,

darauf freut sich

Witz Witzkewitz.