Witz-Licht 40 Einfache Sprache – gar nicht so einfach?

0
199

Sich einfach, klar und verständlich auszudrücken sollte das Bestreben eines jeden sein, das jedenfalls hat man mir in der Schule beigebracht und gleichzeitig noch erwähnt, Fremdworte möglichst nicht zu verwenden, wenn die eigene Sprache ein Wort bietet, das den Begriff aus der anderen Sprache verzichtbar macht. Heutzutage gibt es Mitbürger, die das als Fremdenfeinlichkeit unter dem Deckmäntelchen der Verständlichkeit anprangern würden, während Stockkonservative auf „Sprachreinheit“ bestehen, fehlt nur noch der Begriff „Sprachtrennung“, dann wissen wir, woher der Wind weht.

Ich sehe in dieser Radikalisierung der Standpunkte ein Zeichen dafür, dass wir in beinahe jedem Bereich des öffentlichen Lebens das Mass verloren haben, sei es in der Gender-Diskussion oder in der Me-Too-Bewegung oder eben auch in der Sprache.

Zugegebenermassen gefalle ich mir darin, im Restaurant gelegentlich ein „Sinthi- und Roma-Schnitzel“ zu bestellen und darauf zu warten, dass sich die zunächst ungläubigen Gesichtszüge des Kellners in ein verstehendes Lächeln verwandeln.

Das Vermeiden oder der völlige Verzicht auf Fremdworte ist aber unbedingt als unwissenschaftlich zu bezeichnen, denn das erste, was Akademiker im Studium lernen (besonders bei den Geisteswissenschaften) ist die Aneinanderreihung von Fremdworten, wahrscheinlich um von der Unwichtigkeit und Banalität des Gesagten oder Geschriebenen abzulenken. Zwar wird dies im Studium selten direkt vermittelt, erschließt sich aber jedem, der wissenschaftliche Abhandlungen liest, die eher als Fremdwortsammlungen zu bezeichnen wären und sich nach einer Übersetzung in die Muttersprache als Aneinanderreihung von Allgemeinpässen entlarven.

Vor dem Schreiben dieser Kolumne habe ich nach „einfacher Sprache“ gegoogelt. Völlig unwissenschaftliche Vorgehensweise, besonders deshalb, weil ich Wikipedia verwendet habe, aber ich verfasse hier ja auch keine wissenschaftlichen Abhandlungen, wie man leicht an den wenigen von mir verwendeten Fremdworten erkennen kann. Vielmehr möchte ich zur Unterhaltung beitragen, eventuell zum Nachdenken anregen, einigen Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern und bei anderen wiederum dafür sorgen, dass ihnen das Lachen vergeht.

Zuerst durfte ich Wikipedia entnehmen, dass es einfache und leichte Sprache gibt, letztere ist für Menschen mit geistiger Behinderung, hat feste Regeln und ist ein wichtiger Bestandteil der Inklusion.

Einfache Sprache, die auch bürgernahe Sprache genannt wird, entstand ursprünglich mit dem Anspruch, die „Behördensprache“ bürgernah verständlich zu machen. Was auch unbedingt nötig ist, denn wenn das Amt feststellt, dass die „Spontanvegetation“ hinter der „nicht lebenden Einfriedung“ zunimmt, dann sollte man einfach mal das Unkraut hinter dem Zaun zupfen. Von wegen Unkraut! Gärtnerisch korrekt muss es Beikraut heißen!

Ursprünglich wollte ich in dieser Kolumne die einfache Sprache für überflüssig erklären, gibt ja auch keine „einfache Mathematik“: Pi ist knapp über drei, also 3,14, mehr muss man nicht wissen, transzendente und irrationale Zahl sind wirklichkeitsferne Begriffe; „einfache Chemie“ gibt es ebenfalls nicht, genauso wenig wie „einfache Atomphysik“: Sie möchten sich eine eigene Atombombe basteln? Nichts leichter als das, besorgen sie sich folgendes im Darknet…

Leider sind es 25% unserer Mitbürger, die zwar nicht zu den 7,5 Millionen Analphabeten zählen, aber nicht in der Lage sind, einen literarisch anspruchsvollen Text zu verstehen.

Da fällt mir ein, dass es Lyrik in einfacher Sprache schon zu meiner Schulzeit gegeben hat, die zwar nicht im Unterricht, aber auf dem Schulhof vermittelt wurde. Aus Schillers „Glocke“ wurde ein Vierzeiler:

Loch gegraben,
Scheiße rin,
aufgehangen,
bimm, bimm, bimm.

Sehr, sehr einfache Sprache oder gar Ultraleichtsprache?

Ich überdenke das nochmals,

bis neulich,

Witz Witzkewitz.