Witz-Licht 42 War alles schon mal da, kommt alles immer wieder

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Irgendwann kommt alles einmal wieder. Das ist nicht einfach so dahin gesagt, dass ist für jeden auf eine ganz persönliche Art und Weise nachvollziehbar. Beispielsweise bin ich in einer sächsischen Kleinstadt, in einem telefon-, fernseh- und autofreien Haushalt aufgewachsen. Letzteres soll es ja heutzutage auch noch geben, das andere ist weder einzeln und erst recht nicht in Kombination vorstellbar. Oder vielleicht doch? Nachdem jeder in der Familie ein Handy hatte, wurde das Festnetz abgeschafft, aber in einem hellen Moment entscheidet sich die Familie, sowohl auf Telefonieren und bei der Gelegenheit auch gleichzeitig auf Fernsehen zu verzichten, vielleicht ja nur auf Zeit? Somit könnte dieses Form des Haushalts wiederum Zukunftsmusik sein.

Eines Tages kam mein Vater später von Arbeit nach Hause, weil er noch bei einem Kollegen gewesen war und dort Westfernsehen geschaut hatte. Völlig aufgelöst berichtete er, dass eine englische Musikkapelle, deren Namen er bereits wieder vergessen hatte (Beatles), die in einer Kultursendung aufgetreten war, obwohl sie eigentlich nichts hatten sehen können, weil ihnen die Haare bis über die Augen hingen.

Jungs durften in unserer Schule keine langen Haare tragen, obwohl wir das alle wollten, wir mussten auf der Hut sein, um nicht vom Direktor persönlich zum Friseur begleitet zu werden. Also gaben wir in den Pause voreinander an, wie weit unsere Haare über die Ohren reichten, um sie dann während der Unterrichtsstunden hinter selbige zu klemmen.

Mein Vater schaute erst auf mich, dann auf die Uhr, trank hastig sein Bier aus, griff mich an der Hand und zerrte mich an der Hand zum ältesten Friseur des Ortes. Ich wusste: Widerstand war zwecklos.

„Sie wissen, was ein Hindenburg-Igel ist?“ erkundigte sich mein Vater und wies nach dem Nicken des kurz vor der Rente stehenden Friseurs auf mich.

Meine schlimmsten Befürchtungen wurden übertroffen. Ende der 60er Jahre erhielt ich eine Frisur, die Mitte der 90er wieder topaktuell wurde: Haare oben auf dem Kopf 3 cm lang, hinten und an den Seiten 3 Millimeter kurz.

Noch bevor mir der Friseurumhang abgenommen wurde wusste ich, dass ich wochenlang den Spott meiner Klassenkameraden würde ertragen müssen. Seiner Zeit weit voraus zu sein wird also von den Zeitgenossen genauso belächelt wie der Mode hinterherzuhinken.

1984 reiste ich aus der DDR aus und war der Meinung, nicht nur dem diktatorischen Staat mit allen seinen Bevormundungen, sondern auch dem sächsischen Dialekt entkommen zu sein, letzterer allerdings war 5 Jahre später nach der Grenzöffnung sofort wieder da. Was war ich froh, dass mein aus Kiel stammender Vater darauf geachtet hatte, dass bei uns zuhause hochdeutsch gesprochen wurde, weil für ihn sächsisch kein Dialekt, sondern eine Sprachfaulheit darstellte.

Plötzlich und unerwartet holte mich meine Vergangenheit wieder ein, Stück für Stück. Ende der 80er Jahre wohnte ich in einer Wohngemeinschaft, meine drei Mitbewohner bekamen außer von der Freundin regelmäßig Besuch von Verwandten und Bekannten und weil das bei mir nie vorkam, tauchte der Vorschlag auf, meinen Anteil am Haushaltsgeld zu reduzieren, was aber alsbald nach der Maueröffnung ziemlich schnell ins andere Extrem kippte, weil ich von nun an beinahe wöchentlich Besuch erhielt und wie selbstverständlich für diesen das Gästezimmer beanspruchte.

Tja, nicht alles, was wiederkommt, ist auch willkommen. Als dann auch noch meine Tochter in Schlaghose und Plastikpulli (der nach der kleinsten körperlichen Anstrengung sofort nach Schweiß roch) auftauchte, weil der Hippie-Look auch wieder aus der Versenkung auftauchte, war ich peinlich berührt, in welch komischen Klamotten ich früher herumgelaufen und mir vorgekommen war, als würde die Welt mir gehören.

Werde mir bis zur nächsten Kolumne Gedanken darüber machen, was sonst noch so alles zurückgekommen ist oder es noch tun könnte,

bis neulich,

Witz Witzkewitz.