Witz-Licht 44 Die sprichwörtliche “Qual der Wahl”

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Als ich volljährig wurde, war ich in meiner Heimatstadt Hainichen nicht nur Erstwähler, sondern sogar der jüngste unter diesen. Damit stand mir ein Blumenstrauß zu und dieser großartige Moment sollte vom Fotografen der örtlichen Tageszeitung für die Ewigkeit festgehalten werden. Da in einer Kleinstadt ähnlich wie auf dem Dorf jeder jeden kennt, wurde mir über meine Mutter ausgerichtet, dass ich mich Punkt 10 Uhr im Wahllokal einzufinden habe.

Tat ich dann auch, musste aber auf den Fotografen warten und hatte Zeit, mich ein wenig umzusehen. Im Eingangsbereich standen mehrere Tische, dahinter saßen Wahlleitung und Wahlhelfer, dort stand auch die Wahlurne, sehr zentral, nicht zu übersehen. Im Gegensatz zur Wahlkabine, die in der entgegengesetzten Ecke des Raumes aufgestellt war. Wahrscheinlich damit sich niemand nach Feststellung der Personalien und Aushändigung der Wahlunterlagen “zufällig” dort hinein verirrte. Mir wurde sofort klar, dass sich jeder, der dorthin ging, sofort verdächtig machte. Der Gang quer durch den Raum kam einem „Nein“ gleich.

Endlich erschien der Fotograf, raunzte mich an, wieso ich denn mein blaues „FDJ-Hemd“ nicht tragen würde und schüttelte missbilligend den Kopf, weil ihm untersagt wurde, mich zu fotografieren, während ich für alle sichtbar „Ja“ ankreuzte. Also war auf dem Foto zu sehen, wie ich mit einer Hand den Blumenstrauß von der Wahlleiterin entgegennahm und mit der anderen Hand den zusammengefalteten Wahlzettel in der Urne versenkte.

Am nächsten Tag hielt mir meine Mutter vor, dass ich auf dem Foto nicht gelächelt hatte. Wir abonnierten keine Tageszeitung, sie war extra bis zum Bahnhof gelaufen, um dort am Kiosk eine „Freie Presse“ zu erwerben (Im Nachhinein meine ich, dass das einzig Freie an dieser Presse die Verteilung von Druckfehlern im Lokalteil war, ansonsten war sie ein Abklatsch vom „Neuen Deutschland“, welches 5 Pfennig teurer war als die „Prawda“. Angeblich die Übersetzungsgebühr, wie in einem DDR-Witz behauptet wurde).

Jedenfalls war diese „Wahl“ eine Farce und ich beschloss, erst wieder hinzugehen, wenn ich eine wirkliche Wahl hätte. An dieser seltsamen Form der Volkszählung habe ich nie wieder teilgenommen, was mir auch in meiner Stasi-Akte bescheinigt wurde.

Kaum hatte ich nach meiner Ausreise aus der DDR einen festen Wohnsitz, schrieb ich die damals etablierten Parteien in ihren Bonner Zentralen an, fragte u.a., wofür sie waren und was sie ablehnten. Von CDU und SPD habe ich bis heute keine Antwort erhalten, offensichtlich suchen diese beiden Parteien immer noch nach den Werten, für die sie einstehen. Die Grünen waren damals neu auf dem „politischen Markt“, zwar wurden meine Fragen nicht konkret beantwortet, aber sie schickten mir einen dicken A4-Umschlag mit Parteiwerbung. Die eindeutigste Antwort kam von der FDP: Eines Tages fand ich einen kleinen, unscheinbaren, absenderlosen Umschlag in meinem Briefkasten. Einziger Inhalt: Ein Banküberweisungsträger, auf dem bereits Empfänger, dessen Kontonummer und mein Name eingetragen waren, ich hätte nur noch den Betrag einsetzen müssen.

Inzwischen müssen wir die Parteien nicht mehr anschreiben, wir haben ja den Wahl-O-Mat. Den habe ich gestern Abend ausprobiert, schön bei einem Gläschen Wein aus dem Bauch heraus die Fragen beantwortet, meine Prioritäten gesetzt und danach eine ganze Reihe kleine Parteien kennengelernt, von denen ich noch nie gehört hatte, deren Vorstellungen aber prozentual am meisten mit meinen übereinstimmten (mehr als 61% waren aber auch nicht drin).

Jetzt bin ich noch verwirrter: Soll ich mein Gewissen beruhigen und meine Stimme an eine Splitterpartei „verschwenden“ oder wähle ich das „kleinere Übel“ bei den Etablierten?

Am Sonntag werde ich mich entscheiden,

bis neulich,

Witz Witzkewitz.

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